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Um sicher zu sein gab es nur eine Möglichkeit. Schweigen...
安全であるために一つ可能性だけがある。暗黙。

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Kapitel 22 - Vergangenheit ist Zukunft

 

"R... eita...?", murmelte Kato schwach, fragend und hoffnungsvoll und hob das
Kinn. War da wirklich Reita? Aber was tat dieser hier? Gehörte er zu dieser
schrecklichen Bande, die sie ausgelöscht hat? War Reita etwas auf Rache aus?
"Rei?"

"Ohhh wie rührend. Langsam kriechen wohl die dunklen Erinnerungen in eure so
gut wie toten Köpfe. Fühlt ihr den Schmerz, an den ich mich labe? Eure
Freunde, sie alle sind Tod! Und ihr werdet auch sterben! Glaubt ihr an
Schicksal?", fragte Shi lachend und warf die Haare zurück. Auch der Boss hatte
ein Grinsen auf den Lippen, allerdings war er gerade mehr damit beschäftigt,
den Blonden zu bändigen.

~


Reita wehrte sich wie ein Löwe gegen den Boss, der ihn so unerbittlich auf den
Boden drückte. Mit äußerster Willensanstrengung gelang es ihm, den Kopf und
den Oberkörper so weit anzuheben, dass er einen Blick auf Kato erhaschen
konnte... War dieses halbe Skelett wirklich sein ehemaliger Geliebter? Doch das
geflüsterte "Rei?" vertrieb auch noch den letzten Zweifel aus ihm und ließ
sein Herz schmerzhaft schnell schlagen... Wie sehr musste der Boss ihn hassen,
dass er sich soviel.. Mühe machte, um seine Qualen nur noch zu
verstärken...?!

Reita zitterte und knurrte wütend auf, als er die "poetischen" Worte von Shi
hörte.. Er starrte den Weißhaarigen bitterböse an. Er war nicht mehr
geknebelt. "Das Schicksal kann mich mal!!", knurrte er böse und riss den Kopf
hoch, hustete heiser, doch er war nicht gewillt, den Kopf wieder demütig auf
den Boden zu legen. "Ihr seid kranke Schweine! Was geht nur in euch vor, was
müsst ihr nur erlebt haben, was müssen euch die Menschen nur angetan haben,
dass ihr solch einen Hass in euch spürt?! Es muss viel passieren, um einen
Menschen so weit zu treiben, doch eins verspreche ich euch! Ihr werdet mich
nicht brechen, ich bin stärker als ihr glaubt und am Ende werde ich
triumphieren, denn ICH werde gewinnen!"

Bereits leicht schwitzend rammte der Boss dem Gefangenen seinen Fuß in den
Rücken, der nicht einmal eine Stunde zuvor noch auf dem OP Tisch gelegen hatte,
und drückte ihn wieder zu Boden. Freudig spürte er, was seine 'Überraschung'
für einen inneren Kampf in dem Blonden auslöst hatte. Verzweiflung stand auf
Reitas Stirn geschrieben, als er sich soweit aufbäumte, um seiner ersten Liebe
einen unsicheren Blick zuzuwerfen.
"Wie ich sehe, erfreut dich der Anblick, den ich dir möglich gemacht habe. Ich
hoffe, der Anblick wird sich in dein Hirn brennen, solange es noch kann, denn er
wird nicht mehr lange leben, das verspreche ich dir.", meinte er an Reita
gerichtet und drehte leicht den Kopf, als von Shi ein bitterböses Kommentar
kam.
Grinsend verzogen sich seine Mundwinkel nach oben.
Doch Reitas folgende Worte ließ sein Gesicht verdüstern. "Das geht dich gar
nichts an!", brüllte er wütend und trat nach dem am Boden Liegenden. "Du
solltest dir lieber Sorgen um dich machen, als um deine Peiniger, du dummes
Kind!"

Dann schalt sich Shi ein, der wieder näher gekommen war, um sich ganz nah und
bedrohlich zu Reita hinunterzubeugen und dessen Kehle zwischen seine Finger zu
nehmen. "Die Herausforderung nehme ich gerne an. So ein Menschenkind wie du,
kann nicht stärker sein als ich. Wir haben dich in der Hand... Ob du willst,
oder nicht. Und wenn du noch mehr aus deinem frechen Mund kommt, trenne ich dir
die Zunge ab!", knurrte der Silberhaarige und musste wieder an Matsuda denken,
der noch immer Bewusstlos in seinem Labor liegen musste. Sofort richtete er sich
auf und richtete den Blick auf die Tür, durch die er gekommen war. Sollte er
nicht doch mal nachgucken gehen?
Doch seine Aufmerksamkeit wurde wieder nach vorne gelenkt, als der Gefangene,
der nun schon seit Tagen an der Wand hing, sich bewegte und somit die Ketten zum
Rasseln brachte. Sein rechter Mundwinkel zuckte und schon schlich der
Kittelträger zu Kato hinüber. Natürlich ließ er dabei keinesfalls Reita aus
den Augen.
Als er neben dem Gefesselten und Blinden stand, hob er die Hand, nahm ein Haar
seines wild vom Kopf abstehenden Haares und riss es ihm mit einem mörderischen
Blick aus, wodurch Kato überrascht einen abgedämpften Schmerzenslaut von sich
gab. "Ich kann das gerne fortsetzen, wenn du danach verlangst.", drohte er Reita
dämonisch grinsend und hob erneut die Hand, sah abwartend zu dem Blonden.
"Hast du ihm denn gar nichts zu sagen? So viele Dinge, die bereden werden
müssten, können doch nicht ewig unausgesprochen bleiben. Hast du es ihm je
gesagt...?", fragte er und ließ seine Hand abwesend über den abgemagerten
Oberkörper wandern.

//Langsam stiehlt er mir die Show//, dachte der Boss genervt, verfolgte aber
interessiert das Geschehen, während er Reita weiterhin auf dem Boden hielt.
Vielleicht würde er doch noch etwas von Shi lernen können. Eigentlich wollte
er sich dieses Mal beweisen, aber Shi musste wohl in den letzten Jahren mehr
Zeit und Opfer gehabt haben, als er es hatte. //Natürlich, was anderes hat er
ja nicht. Nur dieses Schloss und seine Spielchen. Da kann ich nicht mithalten.//
Vielleicht wäre dann ein klein wenig mehr Unterstützung, als er eigentlich
hätte haben wollte, ein gute Sache.

"Ich habe deine Freunde an seinem Geburtstag holen lassen, während sie
ahnungslos ihre lächerliche Party feierten.", fügte nun der Boss hinzu und
grinste hinterhältig.

Reita bäumte sich weiter auf, teils vor Schmerz, als der Boss ihm seinen Fuß
in den Rücken stieß, teils vor Entsetzen, was sie mit Kato getan hatten und
vorhatten zu tun..

"Nein!! Nehmt mich! Nicht ihn!!", schrie er vor lauter Verzweiflung. Er wollte
die beiden kranken Schweine von Kato ablenken, was hatten sie seinem früheren
Geliebten nur angetan.., Er war fassungslos, wollte ihn beschützen, doch wie so
oft, er war einfach zu schwach..,

Zufrieden bogen sich Shis Mundwinkel nach oben und entblößten einen kurzen
Einblick auf seine zugespitzten Zähne, die selbst der Boss überraschte. Dem an
der Wand Hängenden noch einen kurzen gelangweilten Blick zuwerfend, stieß er
sich von der Wand ab und kam auf Reita zu, um ihn kurzerhand an den Haaren zu
sich hochzuziehen. "Boss~? Kann ich ihm jetzt wehtun?", fragte er mit erregter
Stimme und warf seine viereckige Sonnenbrille weg, die die ganze Zeit seine
Augen verdeckt hatten, nur um dahinter in Katzenartige Augen blicken zu können.
Auch war das Weiß vollkommen durch Schwärze beseelt, was ihm einen weiteren
Touch von Finsternis und Monströsität verlieh." Gierig musterte er die
ängstlichen Züge des Gefangenen. Seine lange Krallenhand hielt er geöffnet um
Reitas Kehle, jeden Moment darauf wartend, sie vollends zu schließen. Über
seine Schulter hinweg war es dem Blonden möglich, den geschwächten Kato an der
Wand hängen zu sehen, welcher plötzlich den Mund öffnete, um Reita ein paar
Worte zukommen zu lassen. "Rei... f-flieh...~"

Der Weißblonde knurrte auf und sah hinauf zum Boss, der seinen Blick nur kurz
erwiderte, um dann mit finsterem Blick auf Kato zuzugehen. "Ich habe eine
weitaus bessere Idee. Warum kümmern wir uns nicht erst um den hier. Wenn er
sich schon opfern will, sollten wir ihm den Gefallen tun.", meinte der Boss mit
einem fiesem Grinsen im Gesicht und schnippte mit den Fingern, wodurch seine
Angestellten auf ihn zu kamen und Kato von der Wand nahmen. "Shi, pass auf ihn
auf. Ich bereite alles vor.", setzte er noch verkündend hinzu.
Da Shi nicht sofort verstand, was sein alter Kollege nun mit dem anderen
Gefangenen vor hatte, stand er auf und zog dabei Reita mit auf die Beine. "Was
hast du vor?", setzte er fragend und misstrauisch hinzu, während er die
Befreiungsversuche des Blonden im Keim erstickte und ihn in den Schraubstock
nahm. Seine freie Hand ließ er wieder an Reitas Hals wandern. Dann beugte er
sich zu dessen Ohr vor.
"Versuchst du dich zu befreien, werde ich dir so zusetzen, das du zwischen Tod
und Leben schwebst und dir wünschen würdest zu sterben, weil die Schmerzen so
unendlich groß sind, das du sie unmöglich auf längere Zeit aushalten
könntest...~", drohte er ihm mit zischender Stimme und ließ seinen längsten
und am meist zugespitzten Fingernagel zu Reitas Halsschlagader wandern. "Ich
kenne keine Skrupel, wie du begriffen haben solltest.", zischte er weiter.
"Ich... habe sogar das Fleisch meiner Schwester den Tieren verweigert.", gestand
er und leckte sich über die zugespitzten Zahnreihen.

Dann richtete sich sein Blick wieder auf das Geschehen. Kato wurde auf dem Boden
inmitten des riesigen Gewölbes gekettet und geknebelt. Interessiert verfolgte
er, wie durch eine Vorrichtung an einer der Wände eine riesige Kugel direkt von
der Gewölbenmitte heruntergelassen wurde. Als ihm aufging, was der Boss
vorhaben könnte, hob er anerkennend die Mundwinkel. "Wirklich grauenvolle Idee.
Wirklich grauenvoll gut...~", meinte er und ließ den Boss auflachen.
"Wenigstens etwas, was ich dir beweisen kann. Ich hab mich nicht verändert. Wie
man die Psyche zerstören kann, das konnte ich schon immer besser als du." "Du
kennst die Menschen eben besser als mich mein Freund.", musste Shi gestehen,
ließ den Blonden in seinen Armen jedoch nicht los, während er gesprochen
hatte.

Reita ignorierte die Worte Shis, es war auch gut möglich, dass er sie gar nicht
mehr richtig wahrnahm... Er starrte nur schockiert auf Kato und die grausige
Vorrichtung und als ihm klar wurde, was diese Kerle vorhatten, wurde ihm so
übel, dass er würgen musste, doch nichts kam aus seinem abgemergelten Leib,
außer bittere Galle... Der Würgereiz ließ seinen Körper zittern und sich
noch mehr aufbäumen. Vergebens versuchte er, Kraft zu sammeln und sich
loszureißen, zu Kato hinzurennen und ihn zu befreien... Er kam nicht einmal
gegen Shis Griff an. Röchelnd versuchte er zu sprechen, doch immer wieder
würgte er, keuchte und brach immer wieder in die Knie, kämpfte sich wieder
hoch und schließlich drang ein abgrundtief verzweifelter Schrei aus seinem
Mund. "KATO!!!"

Entgegen seinen Worten bewegte sich der Blonde in seinen Armen und nur knapp
entkam er dem tödlichen Schnitt an die Halsschlagader, als Shi rechtzeitig
reagiert hatte und die Hand wegzog. Schließlich musste er ihn noch immer am
Leben lassen, auch wenn er ihm gedroht hatte. Irgendwann würde er es schon wahr
machen. Und nicht nur irgendwann, sondern bald, wie ihm mit Vorfreude auffiel,
als die Konstruktion an der Gewölbedecke sich immer weiter hinunter durch die
Dunkelheit fraß.
Trotz vorzeitigem Rückzug, zerrte Shi den Gefangenen wieder auf die Beine und
fest an seinen Körper, der überraschend stark war. "DU kannst sowieso nichts
tun! Warum also nicht gleich aufgeben! So würdest du es uns und besonders dir
viel einfacher machen.", merkte der Silberhaarige an und krallte seine langen
Nägel in das Fleisch Reitas linken Armes. "Schmerz... Ja, lass sie uns
spüren.", bat er mit vor Gier bebender Stimme, hatte seinen Kopf dabei auf
Reitas rechter Schulter abgelegt und sah mit vor Aufregung geweiteten Augen
hinauf zu der mageren Gestalt am Boden und zu der schweren Stahl- oder
Eisenkugel hinauf und zum ersten Mal missfiel es ihm, das es so dunkel in seinem
Schloss war. Nur das schwache Mondlicht drang zu ihnen vor und zu ihrem Unglück
schoben sich dicke Wolken in immer kürzeren Abständen davor.

Knurrend hob er den Kopf. "Halt ein!", bellte er zu dem Boss hinüber und riss
Reita an den Haaren zurück, als dieser sich befreien wollte.

Der Boss drehte sich verwundert zu Shi um und hob die Brauen. Ein Wink reichte
und die Konstruktion blieb, wo sie war und die zwei, die sich gerade noch um
jene gekümmert hatten, eilten nun auf Reita zu, um diesen ohne Shi in Schacht
zu halten, welcher nun auf den Boss zu schrittt, welcher sich ebenfalls dazu
bemühte, sich in Bewegung zu setzen.

"Warum soll ich aufhören, Shi? Kneifst du jetzt?!", fragte der Boss verwirrt
und verzog die Stirn in Falten.
Doch Shi lachte nur auf. "Nein, ich kneife nie! Nur wäre es doch schade, wenn
wir gar nichts von dem Schauspiel sehen können, oder? Lassen wir die beiden ein
wenig Nähe spüren und erlösen sie, sobald die Sonne ihre Lichtstrahlen in das
Schloss lässt.", schlug der Silberhaarige vor, woraufhin der Boss unzufrieden
aufknurrte. "Ungern möchte ich dem zustimmen, aber du magst recht haben. Hast
du nicht Lampen da oder Strom?" "Nein, ich verzichte schon seit Jahren auf Strom
und die Lampen haben alle ihre Geist aufgegeben. Ich kann es mir nicht erlauben,
neugierige Techniker oder Elektriker hierher einzuladen, was du sicherlich
verstehen wirst. Und meine Kerzen können niemals das herrliche Bild preisgeben,
was uns erwarten wird. Die Schmerzen, der Kummer, das Leid... Nur ein wenig
warten und dann können wir uns daran laben.", schwärmte Shi mit einem leicht
verträumten Lächeln und leckte sich das Blut von den Nägeln.

"Okay, dann warten wir eben...", stimmte der Boss schließlich zu und wies
seinen Leuten an, Reita mit Hilfe von Fesseln neben Kato auf dem Boden zu
Ketten. Zwischen ihnen immer noch so viel Platz lassend, das sie sich nicht
berühren konnten. Außerdem wurden beide so geknebelt, sodass sie einander Nahe
sein konnten, aber mehr auch nicht.

"Außerdem habe ich noch Hoffnungen, das der Auftragskiller seinen Freund
endlich zu mir bringt. Apropos... den hab ich ja ganz vergessen.", merkte der
Boss an und nahm sogleich sein Handy zur Hand, um dessen Nummer zu wählen, den
zweifelnden Blick Shis missachtend.


+~+

Nur langsam öffnete sich die Tür des Krankenzimmers, hinter welcher Kru vor
nicht einmal einer Stunde verschwunden war, und ein Kopf lugte zwischen Tür und
Angel hervor und spähte mit einem nervösen Flattern in der Brust den Gang auf
und ab. Erleichtert, aber auch ein wenig enttäuscht, musste Kru feststellen,
das kein Hizumi nervös davor auf und ab getigert war und so konnte sich der
Schwarzhaarige ganz aus dem Krankenzimmer begeben und sich endlich an die Arbeit
machen. Schließlich hatte er dem Boss etwas versprochen, was er um alles in der
Welt nicht vergessen wollte zu erledigen.
Und somit verließ Kru ihr Geheimversteck und machte sich auf die Suche nach den
Spuren Reitas. Zuerst begab er sich auf den Weg zum Krankenhaus, in dieser er
zuletzt gesehen worden war.
Dort angekommen, erklomm er die Feuerleiter und schließlich den schmalen
Fenstersims. Zum Glück wiegte er kaum etwas. So konnte er sich auf den zum
Glück aus Stein bestehenden Sims recht gut halten. Vorsichtig riskierte er
einen Blick in das Krankenzimmer und stellte fest, das der Raum leer war. Mit
einem Grinsen auf den Lippen, setzte er sich seine Sonnenbrille auf und zog sich
die Kapuze tief ins Gesicht. Dann entnahm er seiner Tasche seinen geliebten
Glasschneider, setzte ihn am Glas an und schnitt eine runde Fläche daraus. Als
er die Glasfläche entnehmen konnte, verstaute er das Gerät samt Glas in seiner
Tasche. Als er dies erledigt hatte, griff er durch das Loch in der Schneibe nach
dem Fensteröffner und öffnete es von innen. Dann krabbelte er durch die
schmale Fensteröffnung und setzte das Glas nun von der anderen Seite wieder in
das Loch der Fensterscheibe und schlich an der Wand entlang zur Kamera, die nur
auf das Bett gerichtet war, um sie kurzerhand in den Stand-By Modus zu setzen.
Gut, das er sich trotz Unkenntnis an der Technik ein wenig mit Kameras
auskannte.
Als er das geschafft hatte, machte er sich daran, nach Spuren zu suchen, die
vielleicht unentdeckt geblieben sind. Jedoch war alles in dem Krankenzimmer, vom
Boden bis zur Decke klinisch sauber und somit war es Kru unmöglich, auch nur
eine Fingerspur oder etwas anderes zu finden. //Verflucht!//, dachte er und
schreckte herum, als jemand in das Zimmer eindringen wollte. Schnell versteckte
er sich hinter der Tür und wartete ab.
Und zu seinem Glück betrat ein Polizist samt Krankenschwester das Zimmer.
Normalerweise würden alle Gangster und Bandenmitglieder, also alle von der
Straße, solche Momente verfluchen, das sie Angst hatten, gefangen genommen zu
werden, aber dieser Polizist musste neu sein, denn dieser war unvorsichtigt und
vergaß das Zimmer vor Eindringlingen zu kontrollieren. //Wie unvorsichtigt die
Menschen doch sind.//, dachte Kru und musste sich das höhnische Lachen
verkneifen.

Dann begann eine uns bekannte Stimme zu sprechen. "Wären Sie bitte so
freundlich und würden mir ganz genau schildern, was hier passiert ist? Und vor
allem, wie das passieren konnte?", fragte der Polizist Takeda und nahm sein
Klemmbrett und einen Stift zur Hand, um sich Notizen zu machen.

Kru, der gerade zum Angriff übergehen wollte, erstarrte in seiner Bewegung und
lauschte der Unterhaltung neugierig.

Und während Takeda sich mir der Krankenschwester unterhielt und zig Fragen
stellte, merkte er die ganze Zeit die Anwesenheit Krus nicht hinter seinem
Rücken. Zu sehr hatte ihn Reitas Verschwinden aufgebracht und durcheinander
geworfen. Fragen über Fragen wirbelten in seinem Kopf herum und warteten auf
Antworten. "Gut, ich danke Ihnen. In welchem Zimmer befindet sich der Anwalt
Sakito Edokawa?", fragte er zum Schluss noch, denn dort würde er sich sofort
hinbegeben wollen, als ein frischer Luftzug ihm am Nacken traf. Er wirbelte
herum und sah gerade noch, wie die Tür wieder ins Schloss fiel. Seine
Alarmglocken läuteten. Schnell verstaute er das Klemmbrett hinten mit Hilfe
seines Gürtels und riss die Tür auf, um auf den Gang zu treten und diesen nach
allen Seiten mit dem Blick abzuscannen. Verwundert stellte er fest, das sich
niemand auf dem Gang befand außer er.
Die Krankenschwester war ihm nachgeeilt. "Was ist denn passiert, Herr Takeda?
Haben sie etwas herausgefunden?", fragte sie naiv, da auch sie nichts
mitbekommen hatte. Der Polizist setzte die Mütze ab und strich sich die Haare
aus dem Gesicht, ehe er sie wieder aufsetzte. "Wo befindet sich der Kameraraum?
Wir hatten höchstwahrscheinlich gerade Besuch im Zimmer. Ich war
unvorsichtig.", gestand er mit reuevoller Stimme und nach der anbschließend von
der Krankenschwester folgenden Wegbeschreibung hechtete er sofort los, diesen
aufzusuchen. Dort müsste sich gerade sein Arbeitskollege befinden und der
müsste doch etwas gesehen haben! Warum also, hatte er ihn nicht über den
Besuch eines Einbrechers gewarnt oder war ihm zu Hilfe geeilt? Fragen über
Fragen, doch auch als er den Kameraraum erreichte, wurden diese nicht weniger,
sondern noch um einiges mehr. Die Tür befand sich zu seinem Entsetzen nämlich
nicht mehr in seinen dafür vorgesehenen Angeln. Anscheinend hatte jemand die
Tür mit Gewalt aufgetreten. //Schlaue Kombination Sherlock.//, dachte Takeda
genervt und betrat den Raum. "Nagi?", rief er nach seinem Arbeitskollegen, doch
niemand antwortete ihm.
Doch bevor er sich in dem Raum nach diesem umsehen konnte, fiel sein Blick auf
das heillose Durcheinander, welches sich auf dem Boden ausgebreitet hatte.
Entsetzt öffnete er den Mund, doch kein Wort entkam seinen Lippen. Das waren
ihre gesammelten Beweisstücke! Warum lagen diese auf den Boden und wo zum
Henker war Nagi abgeblieben?! //Wehe er ist sich was zu Futtern holen
gegangen!//, dachte er wütend und suchte den Boden nach allen Beweisstücken
ab. //Fehlt etwas?//, fragte er sich und wunderte sich gleich darauf, da der
Übeltäter anscheinend nichts hatte mitgehen lassen.
Schnell suchte er alles zusammen und legte sie vorerst auf einem Tisch ab, ehe
er diesen umrundete, um den restlichen Raum zu durchsuchen. Entsetzt schlug er
sich die Hand auf den Mund, als er seinen Arbeitskollegen Bewusstlos oder Tod an
der Wand sitzend vorfand. "Nagi?!", rief er entsetzt und stürmte auf diesen zu.
Erleichterung überkam ihm, als er seinen dickleibigen Kollegen atmen hörte. Er
war also ,nur' Bewusstlos. "Nagi, wach auf!", wies er ihm an, doch ihm blieb
keine Zeit. Ein Einbrecher befand sich noch innerhalb dieses Gebäudes, doch wer
weiß wie lange noch. Ein seltsames Geräusch ließ ihn herumwirbeln. Es klang
so, als ob das Band einer Kassette sich gerade irgendwo aufleierte.
>Zetto<, kam es nun immer lauter werdend von den Überwachungs- und
Videoaufnahmegeräten. "Was zum...?", entkam es Takeda und hielt reflexartig die
Arme über den Kopf, als es zu einem Knall kam und eines der Videoabspielgeräte
plötzlich zu Rauchen begann. Mit großen Augen näherte er sich vorsichtig
diesem Gerät und öffnete die Klappe, in der das Video stecken musste, welches
soeben in Rauch aufgegangen war. Rauch kam ihm entgegen und ermöglichte ihm
jegliche Sicht auf den Rest des Bandes. Takeda griff nach dem Klemmbrett auf
seinem Rücken und wedelte den Rauch beiseite, nur um die letzten Überreste der
Beschriftung entziffern zu können, die dort mit roten Lettern geschrieben
stand. >Aufnahmen vom Freitag den 13. März<, las er bzw. reimte er sich
zusammen, da nur wenige Buchstaben die kleine Explosion überlebt hatten.
"Scheiße!", fluchte er und überschlug die Hände auf den Kopf bzw. der Mütze,
die deswegen zu Boden fiel. "Das waren die Aufnahmen von Reitas Verschwinden!
Wir haben es hier mit einem schlauen Kerlchen zu tun! Nagi, wach auf!", rief er
wieder und alarmierte nun die Zentrale von dem Eindringling.

Das schlaue Kerlchen, auch genannt Kru, war soeben in den Lüftungsschacht
gekrabbelt, durch den wohl die Entführer gekrochen sein mussten, als sie Reita
holen wollten und suchte diesen nach allen Seiten mit einer Taschenlampe,
welcher er dem fetten Polizist entwendet hatte, ab. Draußen dunkelte es
inzwischen. Doch Kru machte dieser Zustand weder Sorgen noch Angst. Er fühlte
sich in seinem Element.

+~+

"Danke für die Decke. Später... werde ich dann auch duschen. Weck mich aber
sofort, wenn ihr Neuigkeiten von Reita habt, okay?!", bat er mit fordernder
Stimme und sah Hizumi aus großen Augen an. "Wisst ihr denn, wo er sich befinden
könnte? Habt ihr überhaupt schon etwas herausgefunden?"

"Meine Männer arbeiten daran, Aoi. Wir werden seine Spuren verfolgen und ihn
finden." Er rutschte etwas näher und zog Aoi in seine Arme, streichelte den
schmalen, dürren Körper beruhigend. "Wir finden ihn.", wiederholte er. Diese
großen Augen... Hizumi konnte dem Blick nicht widerstehen... Vorsichtig legte
er seine Arme um Aoi, streichelte ihn, und legte seine Lippen sanft auf Aois.

~

Schon als er die Frage gestellt hatte, schlug sein Herz bereits schneller als
zuvor, da die Hoffnung wieder in ihm aufkeimte, das sein Reita doch noch leben
könnte. Vielleicht hatten Hizumis Leute bereits eine Spur aufnehmen können!?
Doch nach Hizumis folgenden Worten, zerbrach die Hoffnung erneut und frustriert
aufseufzend lehnte sich der Schwarzhaarige zurück. Die ganze Sache war so
frustrierend! Er verstand schon, warum er hier war, aber er wollte Reita auch
suchen gehen! Doch hielten ihn die Fesseln an Ort und Stelle und auch Hizumi
würde es nicht zulassen, das er einfach verschwand und sich dort draußen in
der gefährlichen Welt zu Tode ängstigte, da war er sich sicher. Und obwohl er
Hizumi kaum kannte, fühlte er sich bei ihm wohl. Er fühlte sich sicher und ja
auch ein wenig akzeptiert, so wie er war. Andere hätten ihn schon längst links
liegen gelassen. Nicht aber Hizumi... der gerade überraschend näher rückte.
Wieder etwas, was Aoi nicht verstehen konnte. "Was...?", gab er überrascht von
sich und blickte dem Schwarzhaarigen verwirrt entgegen. Dann wurde er in dessen
Arme gezogen und spürte zusätzlich eine fremde Hand auf seinem Rücken, die
sich auf und ab bewegte. Aoi riss die Augen auf. "Was tust du da?!", entkam es
ihm mit immer schneller werdenden Herzschlag und ängstlichem Unterton in der
Stimme. "Ich hab dir gesagt, das ich das nicht mag!", merkte er bitter an und
versuchte den anderen von sich zu drücken. Dabei blickte er den Schwarzhaarigen
aus großen weit aufgerissenen Augen ängstlich an und zuckte panisch mit dem
Kopf zurück, als Hizumi sich ihm weiter näherte. //Nein, nein, nein!!//,
dachte Aoi abweisend und versuchte sich verzweifelt aus der Umarmung zu
befreien. Blöd war nur, das Hizumi auf der Decke lag, die seine Beine an Ort
und Stelle hielten und sich gegen Hizumi zu Wehr zu setzen war Aussichtslos, das
wusste Aoi inzwischen. "Hizumi, nein! Lass mi-", wollte der Schwarzhaarige sich
erneut zur Wehr setzen, als Hizumi den letzten Abstand überbrückte und ihn
küsste. Fassungslos sah er in die Augen seines Gegenübers und verblieb ein
paar Sekunden in dieser starren Verfassung. Was tat Hizumi da eigentlich??
Wusste er nicht, was er ihm damit antat?!! //Reita, es tut mir Leid! Ich wollte
das nicht!//, dachte Aoi schockiert und versuchte das Fremdküssen zu erklären,
doch warum entzog er sich Hizumi nicht einfach? Und als ob Aoi diese
Möglichkeit vergessen hatte, löste er sich viel zu spät von Hizumi, um noch
weiter zur Wand hin zu fliehen. Doch viel Platz war nicht. Das merkte Aoi, als
er mit dem Kopf gegen die Wand aufschlug. Doch kein Schmerzenslaut drang aus
seiner zugeschnürten Kehle. Nur seine Augen füllten sich allmählich mit
Tränen. "W-warum hast d-du da g-getan?!!", fragte er nach schier endlosen
gefühlten Stunden und fühlte sich mal wieder viel zu sehr in die Ecke
getrieben.
Wütend funkelte er Hizumi an. "Tu das nie wieder!", bellte er und wischte sich
verwirrt über die Lippen, auf denen er noch immer die sanften Lippen des
anderen spürte. "Denkst du etwa, du kannst mit mir spielen?! Wenn, dann hat
Sakito mich zu der falschen Person gebracht! Lieber würde ich draußen auf der
Straße oder in dunklen engen Gassen leben wollen, als meinen Körper für
meinen Schutz zu geben!", meinte Aoi mit ernstem Gesichtsausdruck und wischte
sich verärgert eine Träne aus dem Gesicht. Doch es blieb nicht bei dieser
einzigen Träne. Immer mehr kullerten über Aois leicht geröteten Wangen und
immer wieder wischte dieser sie weg, um nicht das Bild des Jammers darstellen zu
müssen. Hizumi sollte ihn ernst nehmen!

"Aoi!" Hizumi war selbst vor sich erschrocken und rutschte zurück. "Oh...
verdammt... Ich... Ich wollte nicht... nein... Es tut mir Leid... Das... war
nicht richtig... Ich... Ich hätte das nicht tun dürfen... Bitte...
entschuldige... Ich wollte nicht mit dir spielen... ich wollte nicht... Ich
wollte dir damit nicht weh tun..." Er setzte sich im Schneidersitz vor Aoi und
starrte auf seine Hände. Was hatte er da nur wieder angestellt?

Doch der Schwarzhaarige wandte sich ab. Zu verletzt war er durch die üblen
Gedanken, die der Kuss in ihm aufbeschworen hatte, das er nur wieder benutzt
werden würde und zu schockiert war er von sich selbst, da er sich in Hizumis
Armen geborgen und sicher gefühlt hatte. Er kannte den anderen doch gar nicht
und doch war er beinahe so weit gewesen, sich völlig gehen zu lassen. Er hatte
Hizumi seine Ängste preisgegeben und nun konnte dieser durch seine eigene
Dummheit sich diese jederzeit zu Nutze machen. Würde er das denn?! Er wusste es
nicht, aber in dieser beschissenen Welt voller Lügen, Verbrechen, Gewalt und
Hass befand er alles für möglich. "Geh... geh einfach!", bat er aufgewühlt
und schlang die Arme um seinen zitternden Oberkörper. Sollte er ihm glauben
schenken, das er nicht mit ihm spielen wollte? Sollte er einem Fremden Vertrauen
schenken, nur weil er anders zu ihm war, als andere? "Warum... hast du mich dann
geküsst?", wollte er wissen, doch schüttelte gleich darauf den Kopf. "Nein,
ich will es nicht wissen! Geh Hizumi! Lass mich alleine!", schrie er verzweifelt
und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, die ihm plötzlich noch viel
verzweifelter in die Augen geschossen waren, als ihm der Gedanke in den Kopf
schoss, das der andere es vielleicht aus Liebe getan könnte. Würde er sich
sonst so liebevoll um ihn kümmern? Ihn umarmen? Ihn, ein minderwertiges,
verbrauchtes und gebrochenes Geschöpf, küssen?

Hizumi sah ihn sehr schockiert an und schüttelte den Kopf. "Nein, Aoi! Versteh
das nicht falsch... Ich will dir nichts Böses tun, wirklich nicht... Es tut mir
Leid, dass ich dich geküsst habe... Es war... Es ist einfach mit mir
durchgegangen..." Zur Unterstützung seiner Worte setzte er sich weiter weg vor
Aoi und sah ihn traurig an. "Es tut mir Leid..", murmelte er nochmal und
wunderte sich, warum dieser magere junge Mann in der Lage war, in ihm die
tiefsten Gefühle wachzurufen, was bisher sonst niemand geschafft hatte. Die
Mauer, die er um sich herum errichtet hatte, schien Risse zu bekommen...

Der Gedankenschwall wurde Aoi langsam zu viel. Immer mehr krümmte er sich zu
einem kleinen Häufchen Elend zusammen und hatte die fest geketteten Hände an
den Kopf gelegt. "V-vergiss den Gedanken... geh...", murmelte der Schwarzhaarige
und klappte die Augen zu, wollte nichts mehr von alledem hören, noch wissen,
noch sehen.
Er ahnte nichts von Hizumis inneren Konflikten. Sollten diese ihm ja eigentlich
herzlich wenig interessieren. Und bevor er aus Erschöpfung einschlief, der
Müdigkeit und Abgeschlafftheit nachgab, wünschte er sich plötzlich, Hizumi
würde nicht noch weiter von ihm wegrutschen. Im nächsten Moment hätte er sich
dafür am liebsten geschlagen, war dieser Gedanke doch völlig irre gewesen,
völlig konfus und doch ganz im Gegensatz zu seinen Gefühlen zu Reita, doch
stattdessen sackte er nur noch mehr zusammen und schluchzte auf, ehe er
schließlich ermüdet eingeschlafen war.

Hizumi ging zu ihm und legte ihn angenehm hin, breitete die Decke behutsam über
ihn und ließ seine Hand ein paar Sekunden länger auf seiner Schulter ruhen als
nötig gewesen wäre... Dann stand er wieder auf und verließ Aois "Gefängnis",
achtete darauf, dass alles gut verschlossen war und ging, ohne dem Mörder auch
nur einen Blick zu gönnen, wieder nach oben, wo er mies gelaunt unter die
Dusche stieg. Das kalte Wasser auf seinem Körper beruhigte ihn wieder etwas. Er
konnte warmes Wasser nicht ertragen, er fühlte sich dadurch unwohl und
eingeengt. Nach 30 Minuten stieg er aus der Dusche und trocknete sich ab, zog
sich frische Sachen an und ging in sein "Arbeitszimmer", um Kru anzurufen. "Kru?
Wo steckst du? Ich hoffe, du warst beim Arzt und hast dann etwas über unseren
blonden Jungen herausgefunden?" Hizumi verlangte einiges von seinen Männern und
er wusste, dass er sich auf Kru verlassen konnte.

Gerade verließ Kru die Halle am Hafen, die er nach einer gefühlten Ewigkeit
endlich aufgefunden hatte, nachdem er den kaum sichtbaren Spuren der beiden
Entführer gefolgt war, als sein Handy plötzlich in seiner hinteren Hosentasche
zu vibrieren begann, welches ihn aufschrecken ließ. Gott wie er diese verdammte
Technik doch verabscheute! Aber leider war sie von Nöten und da Hizumi ihn
darum gebeten hatte, hatte er sich dieser nur mit einem unzufriedenem Grummeln
angenommen. Schnell griff er danach und starrte auf das leuchtende Display, als
wolle er dem Handy damit sagen, das es sich von allein anstellen soll. Jedoch,
und nachdem es ein weiteres Mal ungeduldig klingelte, war immer noch nichts
geschehen und Kru seufzte auf. "Billig Ding. Nichts kann es! Nicht mal einen
Gegner könnte ich damit ausschalten.", grummelte er und drückte auf die grüne
Taste, wie es ihm Hizumi zuvor gezeigt hatte und legte es an sein Ohr, um der
Stimme seines Bosses und Freundes zu lauschen.
"Ich befinde mich gerade außerhalb einer Lagerhalle am Hafen im Osten der
Stadt. In dieser wurde dieser Junge geschleppt und außerdem habe ich zwei
Leichen gefunden, die keine anderen sein können, als die Entführer. Derjenige,
der sie getötet hat, war ziemlich dumm. Er hätte ihre Leichen ins Meer werfen
müssen, aber anscheinend hatte er es eilig gehabt. Ein Auto hat auf ihn
gewartet. Die Spuren sind noch immer gut erkennbar. Ich werde der Spur sogleich
folgen und Bericht erstatten, wenn ich etwas gefunden habe. Ruhe dich ruhig
etwas aus. Ich werde die Nacht über die Augen offen halten und die Spur
verfolgen. Die Nacht ist, wie du weißt, mein Element.", erwiderte Kru auf
Hizumis Frage und lief im schnellen Schritt den Spuren nach, hielt sich dabei
immer an den Lagerhallen, damit ihm möglicherweise Deckungsschutz gegeben sei,
falls Gefahr drohte. "Ist alles okay bei euch? Was ist mit dem Jungen? War er
anständig?", setzte er fragend hinzu. Wenn er Hizumi etwas angetan hatte,
würde der Junge dafür büßen müssen.

Hizumi hörte seinem Freund lächelnd zu, wie er keuchend berichtete. "Das sind
gute Neuigkeiten, Kru. Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen. Melde dich,
wenn du etwas neues herausfindest. Ja, der Junge ist lammfromm. Er schläft
jetzt erstmal. Mach dir keine Sorgen.", fügte er dann noch lächelnd hinzu.
"Und pass auf dich auf. Ich werde selbst hinkommen, wenn du weißt, wohin die
Spuren führen. Und Kru? Du bist nur Beobachter, hast du verstanden? Du wirst
nicht eingreifen, egal, was du auch sehen magst. Ich brauche dich noch."

"Zu seinem Glück...", knurrte er und dachte schon, das wäre es von Hizumis
Seite, aber die nächsten Worten, ließen ihn genervt aufseufzen. "Du wirst dich
auch niemals ändern, oder Hizumi? Spielverderber... Ja, ich halt mich
zurück.", versprach er und brachte seinen Unmut durch einen Kick gegen eine
herumstehende Mülltonne zum Ausdruck. "Noch etwas?", setzte er anschließend
fragend hinzu, da er sich weiter auf seine Arbeit konzentrieren wollte.

+~+

Nichts von all dem, was Hizumi noch tat, bekam Aoi mit. Doch als plötzlich in
greifbarer Nähe etwas zu vibrieren begann und gar nicht mehr den Anschein
erwecken wollte, irgendwann einmal zu ersterben, wurde der Schwarzhaarige aus
seinem unruhigen Schlaf gerissen, in den er doch eigentlich gerade erst gefallen
war! Sich die Schläfen reibend richtete sich Aoi langsam auf und suchte danach
blind den Fußboden ab, auf der Suche nach dem Ursprung des Vibrierens. Als er
es gefunden hatte, und zu seiner Überraschung war es ein Handy, welches ihm aus
dem Schlaf gerissen hatte, überlegte er fieberhaft ranzugehen. Vielleicht war
es Sakito? Schließlich hatte er ihn hierher bringen lassen! Vielleicht wusste
er etwas über den Aufenthaltsort Reitas! Nun doch neugierig geworden, nahm er
das Telefonat an und blieb vorerst stumm.

"Endlich! Warum hat das so lange gedauert!? Ich hoffe für dich, das du ihn
hast. Ich will ihn neben seinen blonden Freund legen und die beiden leiden
sehen, sodass sie sich die Hölle wünschen, da diese viel erträglicher wäre
als das richtige Leben. Wann bringst du ihn mir?! Ich will sie Morgen früh
erlösen!", verkündete der Boss naiv und hob die Brauen, als Shi nur
enttäuscht mit dem Kopf schüttelte. Doch viel Gedanken konnte er sich nicht
darüber machen, denn ein lautes Geräusch an seinem Ohr ließ ihn
zusammenzucken. Es hatte sich fast so angehört, als ob der Killer sein Handy
fallen gelassen hatte. "Hey! Was ist los?!", brüllte er in sein Handy und sah
sauer drein, als Shi ihm sein Handy wegnahm und es ausschaltete. "Dein Killer
ist Tod, du Dummkopf. Da hilft dir schreien auch nicht weiter."

Und das war er tatsächlich, wie Aoi feststellen durfte, da fast neben ihm, ein
Mann an der Wand zusammengekrümmt saß und so ziemlich Tod aussah.

"R-Rei...", hauchte Aoi fassungslos und war zum wiederholten Male den Tränen
nahe, während er sich mit letzter Kraft auf stemmte und versuchte die Ketten um
seine Handgelenke aus den Verankerungen in den Wänden zu reißen. Immer
verzweifelter schrie er auf, währen seine Tränen ihn blind werden ließen.

+~+

"Und wer soll es geschafft haben, meinen besten Killer umzubringen?!", fragte
der Boss, der Shis Worten keinen Glauben schenken konnte. "Kein Ahnung. Woher
soll ich das wissen. Aber selbst ein Killer wäre fähig gewesen dir zu
antworten. Demzufolge hast du also nicht mit ihm gesprochen und hast ihm auch
noch deine Pläne verraten. Du warst noch nie der Schlauste.", schnaubte der
Silberhaarige, wandte sich von dem Kleineren ab und ging auf Reita zu, damit er
dessen Fesselung selbst in die Hand nehmen konnte. //Alles muss man selbst
machen.//

+~+

Sein Reita war also noch am Leben! Das war ein gute Neuigkeit, verbunden mit
einer Schlechten. In einigen Stunden wäre er es definitiv nicht mehr. Der Boss
hielt, was er versprach und das eben war eindeutig der Boss gewesen. Aoi hätte
ihn unter Hunderten erkennen können! Er musste doch irgendetwas tun können!
Ja... zum Beispiel ihm zur Hilfe eilen! Wieder schrie er auf. //Wer kam auf die
blöde Idee, mich an die Wand zu ketten!? Sakito, das wirst du büßen! Ich
könnte jetzt schon fast bei ihm sein!//, dachte er und vergaß dabei völlig,
das er nicht einmal wusste, wo sich der Blonde befand. Blind machte ihm die
Panik, die sein Herz zuschnürte.

+~+

Reita konnte nur hilflos mit ansehen, wie sie ihn zu Kato brachten und ihn dann
neben ihn ketteten... Er konnte sich gegen die Männer nicht wehren... Gerade
wollte er auf begehren, da knebelten sie ihn auch schon und mit vor Entsetzen
weit aufgerissenen Augen starrte er die schwere Eisenkugel an, die bedrohlich
und stumm über ihnen schwebte, bereit, sie jederzeit zu zerquetschen..

Langsam drehte er den Kopf und sah in Katos verzweifeltes Gesicht. Es brach ihm
das Herz, seinen ehemaligen Geliebten so zu sehen... Und nicht mal berühren
konnte er ihn, um ihm wenigstens etwas Trost zu schenken! Wie er so da lag,
kamen alle Erinnerungen wieder... Die Zeit an seine Kindheit und Jugend...

~Rückblick in Reitas Vergangenheit~

Er war gerade mal sechzehn, als er von daheim weglief. Seine Eltern hatten Geld,
zu viel Geld, denn das verdirbt oft den Charakter und so kam es, dass der kleine
Akira von seinen Eltern meist nur strenge Worte zu hören bekam. Sein Vater
schlug ihn oft, anfangs mit der Hand, später dann mit Stöcken oder Gürteln,
er fand auch Gefallen daran, den Jungen zu würgen. Niemand kümmerte sich
darum, niemand wagte es, sich in die Belange einer reichen Familie einzumischen
und eine Schule durfte der Junge nicht besuchen. Er wurde von einem Privatlehrer
unterrichtet, die Blutergüsse und Striemen erklärte man diesem so, dass der
Kleine eben gerne auf Bäumen herum kletterte und genauso oft herunter fiel.
Akira lernte schnell und viel, doch durch das Lernen merkte er auch, dass es
noch mehr auf der Welt gab, als Schläge und kalte Kellerräume, in die man ihn
einsperrte.

Es war ein Novemberabend, als Akira einige wenige Sachen zusammenpackte und das
elterliche Anwesen verließ. Er bereute es nicht, zum ersten Mal sagte ihm
niemand mehr, was er tun sollte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er sein
eigener Herr. Wie er so durch die Straßen lief, kam er an ein paar finsteren
Typen vorbei und da man dem Jungen seine reiche Herkunft ansah, überfielen
diese ihn und ließen ihn mit nichts anderem als seiner zerfetzten Kleidung am
Boden liegen...

Der junge Akira hatte wieder etwas gelernt. Nämlich das Träume genauso schnell
zerplatzen konnten wie Seifenblasen... So seiner Träume und Hoffnungen beraubt,
blieb er einfach liegen und schloss die Augen.

Es war ein unglaubliches Glück, dass ihn kurze Zeit später eine Gruppe
Jugendlicher fand, die meisten in Akiras Alter, manche etwas älter. Der
Anführer nahm den durchgefrorenen Jungen, der in der Kälte mittlerweile das
Bewusstsein verloren hatte, mit zu sich nach Hause und kümmerte sich um seine
Wunden und gab ihm Kleidung und etwas zu essen. So kam es, dass Akira in dem
"Abschaum der Straße" erst erfuhr, was Freundschaft war.

Akira blieb über Jahre hinweg bei der Straßengang, er war der beste Freund des
Anführers. Er lernte schnell sich zu verteidigen, wurde stärker und bald
konnten und wollten es die wenigsten mit ihm aufnehmen. Die Gang verdiente sich
ihr Geld mit Raub und Überfällen und da in der Gruppe ein sehr großer
Zusammenhalt bestand, konnte auch kein Hüter des Gesetzes ihnen habhaft werden,
jeder stand für den anderen ein.

Aus dem schmächtigen kleinen Jungen war ein starker, schlanker Jugendlicher
geworden. Sein Haar färbte er blond und trug es fortan als Iro gestylt und auch
seinen Namen änderte er in Reita um. Akira gab es nicht mehr, er war für alle
Zeiten tot...

+Rückblick in Reitas Vergangenheit Ende+


Seit dem unschönen Vorfall im Krankenhaus, von dem sich Uruha durch
Beruhigungsmedikamente und dem Schockzustand nur noch wenige Bruchteile merken
konnte, war kein Tag vergangen, an dem der Brünette nicht nachfragte. Danach
fragte, was passiert war, wie es Reita, Aoi und vor allem wie es Sakito ging.
Doch jedes Mal war er auf's neue hingehalten worden. Man sagte ihm jedes Mal
wieder, dass man es ihm früh genug sagen würde.

Und so auch an diesem Tag. In seinem unschönen Krankenhausaufzug schritt er
langsam den relativ leeren Flur entlang. Man hatte ihn vorsichtshalber auf die
offene psychosomatische Station B3 verlegt. Es gab wenig Patienten, die sich
außerhalb ihrer Zimmer aufhielten. Eigentliche waren es nur 2 davon. Ein
älterer Mann, der jeden Tag eine Runde durch die Station machte und sich dabei
bei jedem entschuldigte, der ihm über den Weg lief. Und eine junge Frau, die
immer ein und denselben Gang entlang lief, die Arme dabei fest um sich
geschlungen, um sich ihr Tagebuch an die Brust zu drücken.

Uruha war nun schon ein paar Tage hier, da die Ärzte der Ansicht sind, er wäre
hier am besten aufgehoben. Für sich selbst hatte Kouyou entschieden, das er so
bald wie möglich wieder rauswollte. Er hatte hier drin regelrecht das Gefühl
verrückt zu werden und das konnte er sich in dem Moment einfach nicht leisten,
denn immerhin musste er sich darum kümmern, Reita zu finden, oder wenigstens
dabei helfen. Denn dass das Krankenhauspersonal von diesem Vorfall nichts
preisgab, musste bedeuten, das irgendetwas passiert sein müsste. Leise ging
der Brünette den Ganz bis zum Schwesternzimmer weiter, vorsichtig darauf
bedacht, von keiner der Patrouillierenden gesehen zu werden. Vorsichtig schlich
er durch den Schatten in das geöffnete Zimmer. Durch die Abenddämmerung, die
sich durch das Fenster schlich, legte sich eine drückende Stimmung über den
Raum, die nur durch zwei kleine Tischlampen durchbrochen wurden. Uruha blinzelte
durch seine Haarsträhnen hindurch in die Gänge, doch keiner der Schwestern
schien in der Nähe zu sein und so schob Kouyou die Tür ein Stück zu.
Er wandte sich dem Raum zu und versuchte sich so schnell wie möglich zu
orientieren. Medikamentenschränke, haufenweise Papierstapel, leere Kaffeebecher
und flackernde Computerbildschirme. //Wo sind die Patientenakten?!//, fragte
sich Uruha und kramte einen der Schränke leise durch. Wenn er die Schwestern
nicht mit Bitten und Betteln dazu brachte, mit der Sprache rauszurücken, dann
musste er es wohl irgendwie anders schaffen.
"Medikamente... Zimmerverteilung...", murmelte der Brünette vor sich hin und
strich sich fahrig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Irgendwo hier müssen
doch... AH, hier...", stieß Uruha leise hervor und entdeckte die Schublade mit
Patientenakten. "Mal sehen...", murmelte er sich selbst zu und ging die
Namensschildchen in der Reihe nach zügig durch. Aber er fand keinen Namen
seiner Freunde. Enttäuscht sank er auf die Knie und steckte die letzte Kartei
zurück in die Schublade.
Aber natürlich, er war hier schließlich auf der Station der psychisch Kranken,
wie sollte da auch etwas von den anderen sein, die immerhin körperlich verletzt
sind. Aber zumindest mit Aois Akte hätte er hier gerechnet. Aber darin wollte
er nicht herumschnüffeln, also stand er wieder auf, zog die Schublade so weit
wie möglich nach draußen und durchsuchte beim Buchstaben T: "... Takano,
Takuro, Takashima... Aha... Takashima Kouyou."
Uruha zog die Mappe aus der Schublade, stieß diese mit der Hüfte leicht an,
sodass sie zuschnappte und setzte sich auf den Boden.
Er klappte den oberen Teil der Patientenakte, auf denen nur formale Daten
standen zur Seite, überflog ein paar der anderen Dinge und kam schließlich zu
dem Vorfall mit den maskierten Männern.
"... Schockzustand... bla bla... Starre... bla bla... das weiß ich doch schon
verdammt, ich will wissen, was mit den anderen ist...", fluchte er leise und
blätterte ein paar Seiten weiter.
Seufzend las er weiter und hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, als er
endlich fündig wurde.
"Durch den Verlust (Entführung) des Mitpatienten Suzuki-san, den besten Freund
des Patienten und des nervlichen Zusammenbruchs von Shiroyama-san, wird dem
Patienten jeglicher Kontakt zu seinem eigenen Schutz verboten. Weiterhin darf
dem Patienten keine Auskunft über das Belangen des Patienten Edokawas gegeben
werden. Das alles dient dem Schutz des Patienten und sobald er sich außerhalb
des derzeitigen Schockzustandes befindet, wird die Verlegung auf eine andere
Station betrachtet.", all das las Uruha mit einer verwirrten und hofflungslosen
Miene. "Was soll das heißen 'Verlust'? Wieso verdammt, hat dieser Arzt so eine
Sauklaue, das kein Mensch was lesen kann...", grummelnd beugte er sich näher
dem Papier zu und versuchte die verschnörkelte Schrift in der Klammer hinter
dem Wort Verlust zu entziffern. "Enff... Enthü... Enthng?! Das ergibt doch
alles keinen Sinn.", seufzte der Brünette und strich sich die Haare hinters
Ohr. Aber Verlust... und Aois Nervenzusammenbruch... Bedeutet das etwa, das...
Doch bevor Uruha weiterdenken konnte, hörte er wie sich die Türe öffnete und
so schnell er konnte faltete er die Akte wieder zusammen und wollte sie zurück
an ihren Platz stecken, als eine Schwester ihn dabei erwischte. "Was tun sie da
Takashima-san?"
"Ich... ähm... also ich wollte nur... Ist Reita Tod?! Ist Suzuki Akira Tod?!!",
rief er stattdessen, nachdem ihm nach kurzer Zeit des Stammelns nichts mehr
eingefallen war.
Die Schwester nahm ihm hastig die Akte weg, schob diese zurück in den
Aktenschrank und verschloss diesen sorgfältig.
"Kommen sie Takashima-san, ich bringe sie auf ihr Zimmer!", sagte sie und schob
Uruha aus dem Schwesternbereich.
"Ich will wissen, ob Suzuki Akira tot ist?!! Er ist tot, oder?!! Sonst könnten
sie mir doch sagen, das es ihm gut geht!", schrie er sie an und musste sich
wirklich beherrschen, sie nicht zu schütteln.
"Es tut mir Leid, aber sie wissen, das ich ihnen darüber keine Auskunft geben
darf. Und jetzt gehen sie auf ihr Zimmer!", erwiderte die Schwester und nahm
vorsichtig Uruhas Arm. "Kommen sie schon..."
"Nein! Ich will erst wissen was mit Akira und Sakito ist?! Geht es den beiden
gut?!"
Anstatt zu antworten, blickte die Schwester nur Hilfesuchend zur einem weiteren
Helfer, der Uruha zurück in sein Zimmer brachte.
Erst auf seinem Zimmer ließ der Brünette sich erst wieder beruhigen. "Bitte,
ich will doch nur wissen, was mit den anderen ist, sie sind schließlich auch
meine Freunde."
"Und wir sind Ärzte und wollen ihnen helfen, also vertrauen sie uns.",
antwortete der Pfleger erneut und verließ dann das Zimmer, in dem er die Türe
hinter sich schloss.
Uruha trat erstmal gegen den Bettpfosten und ließ sich dann auf der weichen
Matratze fallen.
Je länger er darüber nachdachte, umso klarer wurde ihm, das die Ärzte ihm
etwas Grundlegendes verheimlichten.

Wenn Reita noch am Leben wäre, dann hätten sie ihm doch bestimmt gesagt, wie
es ihm geht. Und selbst wenn sein Zustand kritisch wäre, dann wäre Uruha
trotzdem wohler dabei, es wenigstens zu wissen. Und ob Sakito an seiner
Schussverletzung gestorben war?
Erst jetzt, da er auf dem Bett lag und sein schmaler, ja erneut abgemagerter
Körper zur Ruhe kam, spürte er den ganzen Druck, der auf ihn lastete. Der ihn
so sehr belastete. Als die erste Träne ihren feuchten Weg die weiche Haut hinab
fand, erinnerte sich Uruha daran, wie er die Situation schon einmal erlebt
hatte.
Doch damals war alles noch einfacher...

~Rückblick in Uruhas Vergangenheit~

Es war einer dieser kalten Winternächte und als der junge Brünette auf die Uhr
sah, bemerkte er, das es bereits nach 1 Uhr war. Noch immer lag er hier in der
Kälte. Das Kalt des Bodens schlich langsam durch die dünnen Klamotten des
Jungen und hinterließen ein schauriges, aber kaum wahrnehmbares Gefühl auf des
Haut. Es müssen schon Stunden sein, die der Brünette dort lag, aber jegliches
Zeitgefühl hatte ihn verlassen.
Nun ja, eigentlich hatte ihn jedes Gefühl verlassen. Abgehauen, aus seinem
,Gefängnis', hatte er alles hinter sich gelassen.
Seit seine Eltern ihn aus Angst und Sorge um die Gesundheit ihres Sohnes,
hilflos in die Obhut einer psychiatrischen Anstalt gegeben haben, war Uruha
nicht mehr wie vorher.
Zwar war er zu Beginn nur auf einer offenen Station, doch er hatte sich
gefühlt, wie in einem Gefängnis.
Ein Gefängnis, in dem er mit seinen Gedanken und Problemen eingesperrt wurde,
in denen er ihnen nicht mehr entkommen konnte und hilflos mit ansehen musste,
was seine Probleme aus ihm werden ließen.
Je länger er auf dieser Station bleib, umso stärker wurden seine Gefühle.
Umso stärker wurde der Hass auf sich selbst, der Hass auf die Menschheit, der
Hass auf Krankheiten.
Je länger er drin blieb, umso stärker wurde der Drang sich selbst zu
verletzen, umso größer war der Wunsch ausbrechen zu können.
Er schaffte es nicht aufzustehen. Erst spät am Abend konnte er erst aufstehen
und eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen, die er jedoch kurze Zeit später von
sich gab.
Er wusste, er war krank, aber diese Enge und diese vielen kranken Menschen gaben
ihm das Gefühl, Irre zu werden.
Lange Zeit hatte er an sich gearbeitet und es ging ihm von Tag zu Tag wieder
besser, auch wenn er das Essen immer noch vernachlässigte.
Doch all der Besserung gab es viele Rückschläge in der Familie, was ihn dazu
brachte, sich selbst zu verabscheuen. Er war eine Last für seine Familie und
eine Last für seine Freunde.
Doch nun lag er hier. Geflohen aus der geschlossenen Psychiatrie, in die er
gekommen war, nachdem er sich mit einer Sicherheitsnadel ein Loch durch die
Lippe gestochen hatte.
Geflohen aus seinem Gefängnis aus Kameras, Visiten- und Therapiestunden.
In seine Zukunft. Sein Leben, das er ohne seine Eltern weiter leben will.
Denn immerhin hatte er einen Freund.
Einen besten Freund.
Einen, der ihm immer zur Seite stehen wird, der für ihn wie ein Bruder ist.
Und genau dessen Bad nahm er gerade in Beschlag. Er lag auf den kalten Fliesen
von Reitas Badezimmer und starrte an die Decke. Er wusste, das es nicht so
weitergehen konnte. Er wollte unter gar keinen Umständen zurück in dieses
Irrenhaus.
Aber Reita hatte ihm geholfen und so bezwang Uruha seine Essstörungen soweit,
das er in einem Lebensfähigen Bereich blieb und auch gut damit zurecht kam.

~Rückblick in Uruhas Vergangenheit Ende~

Damals war es der Wunsch, schlank zu sein, das Uruha so abgemagert war. Heute
war es der Schmerz im Inneren, der ihn davon abhielt, zu essen.
Wie konnte das alles nur passieren...
Reita war... wahrscheinlich Tod und... es war allein Uruhas Schuld. Er war so
ein schlechter Freund.
Er hätte in dieser einen Nacht nicht mit diesem Kerl mitgehen dürfen. Er
hätte Reita damals nie anrufen dürfen.
Und vor allem hätte er vor wenigen Tagen nicht einfach nur reglos daneben
stehen dürfen.
Uruha vergrub sein Gesicht in den Händen und schluchzte leise. Wie konnte er
nur Schuld sein, das Reita nun vielleicht Tod war? Und das Sakito und Aoi
vielleicht auch nicht mehr lebten?
Ein erneutes Schluchzen ließ Uruhas Körper erzittern. "Das kann doch alles
nicht wahr sein...", schluchzte er und raufte sich leicht die Haare. Die
Erinnerung an die Zeit, in denen es Uruha so schlecht ging und Reita als sein
bester Freund immer für ihn da war, schmerzten tief im Herz des Brünetten.
Die ganzen letzten Monate konnte Uruha nicht für ihn da sein. Er konnte und
hatte sich nie dafür revangiert. Und nun hatte er auch nicht mehr die
Gelegenheit dazu.
Das er wusste, das was er sagte und dachte nicht richtig war, verdrängte er
unbewusst. Er hatte den Punkt erreicht, an dem er nicht mehr konnte. Sein
Körper fühlte sich so schwer an, obwohl er wahrscheinlich noch gerade so über
der 41Kg Grenze war. Sein Kopf fühlte sich so leer und gleichzeitig so voll an,
das er sich an den Haaren zog, nur um irgendwie etwas Luft darin zu bekommen, um
einen klaren Gedanken fassen zu können.
Er wollte aufstehen und sich das Wasser vom Tisch nehmen, doch als mit den
Füßen auf dem Boden aufkam, knickten seine Knie ein und er sank zu Boden.
Erneut durchzuckte ihn ein Schluchzen und er schlug mit der Hand auf die
Bettkante.
"Verdammt!", fluchte er unter Tränen und schüttelte den Kopf. Er schwieg für
einen Moment doch es wurde nie still in seinem Raum. Denn immer wieder schnappte
er stockend nach Luft.
Als er es geschafft hatte, seine Atmung zu beruhigen und sich zumindest
aufzurichten, wischte er sich kurz über die tränenverschmierten Augen. Er
hatte wirklich alles verloren. Zumindest fühlte er sich in diesem Moment so
verloren wie noch nie. Seine Gedanken waren aussichtslos.
Er kroch auf allen Vieren in das anliegende Badezimmer. Anstatt jedoch das Licht
anzumachen, kramte er im Dunkeln nach seiner Tasche oder zumindest nach seiner
Jacke.
Doch beides war wie unauffindbar. Schluchzend ließ Uruha sich gegen den
Wannenrand sinken und schlug leicht den Kopf dagegen.
Langsam zog sich Uruha hoch und tastete nach dem Lichtschalter, den er kurz
später betätigte und das Licht den Raum flutete.
Ach ja, er hatte seine Jacke ja an den Schrank gehängt. Kein Wunder, das er sie
nicht finden konnte.
Er seufzte lautlos, kramte in seiner Jackentasche nach seinem Geldbeutel und
ging mit diesem in der Hand zurück ins Badezimmer.
Schweigend ließ er sich zurück auf den Boden sinken und lehnte sich zurück an
den Rand der Badewanne. Mit leicht zitternden Händen öffnete er den Druckknopf
seiner Geldbörse und klappte die Innenseite auf.
Das erste was ihm entgegen fiel, war ein Bild von Reita und ihm selbst. Gefolgt
von einer Rasierklinge, die er seit seiner Jugend in seinem Geldbeutel
aufbewahrte.
Was sollte er denn noch hier?
Er hatte das Leben von Menschen zerstört und konnte ihnen im Nachhinein nicht
einmal helfen. Er war so ein Versager.
Ein Versager, der nur noch lebte, weil andere für ihn litten.
Erneut raufte Uurha sich die Haare und biss sich auf die Unterlippe, um die
Tränen vergeblich zurückzuhalten.
Wieso dachte er nur solche Dinge? Wieso konnten ihn diese Gedanken nicht einfach
in Ruhe lassen?
Immer wieder ketteteten sich negative Gedanken in seinem Kopf fest, die sich
immer enger um seine Sinne zogen.
Der Brünette stand auf und ging zum Waschbecken. Es war trocken, bis auf ein
paar vereinzelte Tränen, die sich ihren Weg von Uruhas Wangen hinab gesucht
hatten. Er wandte den Blick in den Spiegel. Das was er von sich sah, war nicht
mehr er selbst. Eine Hülle, ein Körper, der zerfressen war, von all dem Leid.
Er dachte immer, er wäre eine starke Persönlichkeit, der in schweren Zeiten
derjenige war, der andere die Schulter zum Anlehnen gab. Doch wie sehr hatte er
sich darin getäuscht.
Er war schwach.
Wie länger Uruha den Blick in den Spiegel warf, desto größer wurde der Hass
auf sich selbst. Das Spiegelbild, was ihn von dort aus ansah, war zerstört,
kaputt und ein Mensch, der es nicht würdig war, weiterzuleben.
Kouyou strich sich vorsichtig über die Wange. Sein Spiegelbild tat es ihm
gleich. Er fuhr mit seiner zittrigen Hand weiter über die dennoch weiche Haut
über seinen schmalen Hals bis hin zu seinen Schlüsselbeinen, die bei seinem
geringen Gewicht bereits ziemlich stark hervortraten. Seine Haut spannte sich
über seine Knochen, aber dennoch konnte man seine einstige Schönheit erkennen.
Die feinen Züge in seinem Gesicht, waren überschatten von Trauer in seinen
Augen.
In seinem Spiegelbild beobachtete er jede einzelne seiner Bewegungen. Es war
also wirklich er.
Erneut stiegen ihm Tränen in die Augen und Wut machte sich in ihm breit.
Er ballte die Faust und schlug mit all seiner Kraft, die er noch hatte, in den
Spiegel, der in tausend Scherben zerbrach. Der Brünette sank in die Knie, ließ
dabei seinen Geldbeutel fallen und begann erneut zu Schluchzen.
Er war es nicht wert am Leben zu bleiben.
Er hatte alles verloren... und es war seine Schuld.
Unter Tränen suchte er fast verzweifelt nach der Rasierklinge, die irgendwo
zwischen den Scherben lag. Erst als er sie gefunden und sich dabei leicht in den
Finger geschnitten hatte, kroch er in eine Ecke des Bades und versuchte sein
Schluchzen zu unterdrücken.
Inzwischen hatte er seinen Verstand irgendwo auf der Strecke liegen gelassen,
denn im Moment wollte er nur eines: nicht mehr zu denken.
Als er sich die Klinge tief ins Handgelenk drückte und sie Richtung Ellenbeuge
zog, fühlte er, wie die Spannung in ihm nachließ. Als würde sie durch als
Blut, das sich über sein Handgelenk ihren Weg bahnte, mit hinaus geschwemmt.
Erneut schluchzte er leise und drückte die Klinge noch ein Stück tiefer. Den
Schmerz, der dabei entstand, war für ihn nicht wahrzunehmen. Sein ganzes Denken
hatte sich bereits verabschiedet.
Er zog die Klinge bis hinaus zum Ellenbogen. Ein langer tiefer Schnitt zeichnete
nun seinen Unterarm. Er beobachtete, wie die rote Flüssigkeit, all seine
Vorwürfe mit sich nahm. Bei seinem zweiten Arm gestaltete sich das Ganze schon
etwas schwieriger, da er bereits kaum noch Kraft hatte, sich tief genug zu
schneiden.
Es dauerte nicht lange und seine Hose hatte sich rot verfärbt. Er ließ die
Klinge aus seiner Hand gleiten und neigte den Kopf in den Nacken. Uruha spürte
das Pulsieren in seinen Handgelenken, spürte wie das Blut sich seinen Weg nach
draußen bahnte und wie seine Kraft langsam seinen Körper verließ.
"... Ich bin so dumm... Verzeih mir Reita...", flüsterte er und schloss müde
die Augen.
"... Sakito..."
Er versuchte sich an sein Gesicht zu erinnern. Sein Lächeln, das er ihm immer
geschenkt hatte, wenn er versuchte, ihn aufzumuntern.
Er war doch solch ein Idiot.
Uruha versuchte die Augen wieder zu öffnen. Warum versank er immer in solch
einem Selbstmitleid?!
Erneut schluchzte er und als er versuchte aufzustehen, fiel er zur Seite in die
Scherben.
Den Schnitt, den er sich dadurch an der Wange zuzog, spürte er nicht. Er dachte
nur daran, das er solch ein Idiot gewesen war.
Erneut schluchzte er und versuchte den kleinen roten Knopf zu erreichen, um eine
Schwester zu rufen. Doch er wurde immer müder und schließlich fielen ihm die
Augen zu. Schwärze umfing ihn, doch es wurde warm. Er spürte die Wärme und
Geborgenheit um sich, die er bisher kaum kannte.

In seinem eigenen Blut, lag er alleine auf den kalten Fliesen ohne Licht und
ohne Hoffnung...

~+~

Ohne Gegenwehr hatte Kato sich von der Wand abmachen und später auf dem Boden
festmachen lassen. Er hatte schon längst mit dem Leben abgeschlossen. Doch
nicht im entferntesten könnte er sich vorstellen, was der Boss und dieser
Verrückte, der seine Freunde durch das Aufsetzen dieser Masken ersticken lassen
hatte, damit bezweckte, ihn hier auf dem Boden niederzulegen. Wollten sie etwas
seinen Körper? Oder sollte er Reita nun durch seine bloße Anwesenheit, durch
seine Nähe noch mehr quälen? Aber wie sollte er ihn quälen? Reita hatte doch
sicherlich jemand anderen gefunden, der seine Liebe wenigstens erwiderte. War er
doch inzwischen sicherlich über ihn hinweg, oder nicht?! Wenn dies nicht der
Fall sein sollte, dann könne er den Plan dieser Mörder verstehen.
Doch das war völlig Absurd!
Er hatte ihm doch damals klar gemacht, was er von seiner Liebe hielt, oder hatte
es Reita immer noch nicht verstanden?!

Kato ließ den Kopf zur Seite fallen und versuchte rein nach dem Gefühl
auszumachen, wo sich der Blonde - war er denn überhaupt noch Blond? - befand.
Seine Augen sahen nichts. Seine Lippen verließ kein Laut. Nur ein rhythmisch
stumm gesprochenes Gebet, welches ihm seinen Liebsten und dem himmlischen Tod
näher bringen sollte.

~Rückblick in Katos Vergangenheit ~

Er selbst war gerade 17 geworden, als er sich mit seinen Freunden auf dem
Heimweg befand und auf jemanden stießen, der sich später ihr Freund nennen
durfte. Scheu hatte er sich an die Hand seines Freundes geklammert und
versteckte sich hinter dessen breiten Rücken, während er und zwei andere Jungs
den Unbekannten und halb Erfrorenen musterten und die Lage abschätzten.
Ängstlich zog er an der Hand Mizukis, der nicht nur sein Freund, sondern auch
der Anführer der Straßengang war, die im Viertel Shibuyas die Straßen ihr
eigen nannten und hoffte darauf, das sie schnell diesen düsteren Ort
verließen. Er war schon immer ein Angsthase gewesen. Ein Angsthase und jemand,
dem es nicht gelang, auch nur einer Fliege etwas zu Leide zu tun. Doch wegen
dieser Eigenschaften, hatte er erst Mizuki kennengerlenrt, der schnell einen
Beschützerinstinkt für ihn entwickelt hatte und schließlich sein Freund
wurde.
Doch entgegen seinen Willen, ließ Mizuki nicht von dem Jungen ab, der
Bewusstlos am Rande eine dunklen Gasse lag, sondern von ihm, um den anderen vom
Boden aufzuheben und ihn zu sich nach Hause zu bringen. Doch so war Mizuki nun
mal und gerade das liebte er doch so sehr an ihm. Also ging er mit und erhielt
die Aufgabe, sich etwas um den Unbekannten zu kümmern.
So hatten sich der spätere Reita und er kennen gelernt.

~Katos Perspektive~

Doch ihr wollt sicherlich wissen, warum sich der Weg unserer gemeinsamen Familie
getrennt hat, richtig?

Nun es begann bereits kurz nachdem ich Akira kennen gelernt hatte, aber so
richtig wurde ich mir dessen erst bewusst, als Akira zu Reita wurde und Mizuki
dessen bester Freund. Dementsprechend verbrachten auch wir viel Zeit miteinander
und irgendwann, nachdem der Tag, an dem wir ihn gefunden hatten, um einige Jahre
voran geschritten war, vielen mir die Blicke auf, die Reita immer häufiger zu
mir rüber sandte und ich begann mir allmählich Sorgen zu machen. Nicht, weil
ich glaubte, Reita hätte irgendein Problem und brauchte jemanden zum Reden,
sondern weil mit diesen Blicken sich auch die Atmosphäre in der Gang geändert
hatte und vor allem die Gespräche zwischen Mizuki und Reita wurden immer
knapper. Ich hatte Angst um ihn, weil ich genau wusste, was Mizuki tun würde,
falls mir jemand, und in diesem Fall hatte ich unweigerlich an Reita denken
müssen, zu Nahe kommen würde.

Ich suchte also immer öfter die Einsamkeit, wenn Mizuki außer Haus war. Ob
Selbstschutz oder Vorsicht, vielleicht auch beides. Ich spürte, wie es Reita
ganz verrückt machte, das ich mich ihm gegenüber so abweisend benahm.
Lächerlich.
Hatte niemand ihm gesagt, was ich für eine Rolle inne hatte in der Gang?
Niemand?! Nicht einmal Mizuki? Fragte sich Reita nicht auch, warum ich in der
Gang war, wenn ich mich nicht an den Straßenschlachten beteiligte?

Und dann kam der Tag, ich erinnere mich noch genau, so als wäre es erst Gestern
geschehen, erfuhr er es und ich sah genau, das in ihm etwas tobte, was
auszubrechen drohte. Ängstlich wie ich nun einmal war, verkroch ich mich in dem
gemeinsamen Bett Mizukis und mir, was dessen vor Sorgen geknitterte Stirn auf
mich lenken ließ.

Nachdem er angewendet hatte, was mich immer weich werden ließ, nämlich in dem
er mir Zärtlichkeiten schenkte, die kein anderer auf der Welt mir geben
könnte, um mich glücklich zu machen, gestand ich ihm, das ich mir Sorgen um
Reita machte, worauf Mizuki total austickte. Wahrscheinlich hatte dieser bereits
gemerkt, was los war und ich musste ihm schwören, ihm sein Leben lang treu zu
bleiben und drohte mir sogar, was mich in den darauf folgenden Tagen noch
stiller werden ließ. In meinen Gedanken vertieft, bemerkte ich nicht, wie Reita
sich mir näherte, als Mizuki mal wieder außer Haus war...

+Reitas Sicht...+

"Kato?", rief ich leise nach dem anderen, welcher sich erschrocken zu mir
umdrehte und gar nicht erfreut darüber zu sein schien, ausgerechnet niemand
anderen als mich vorzufinden. Allein sein verschrecktes Gesicht, als er sich
schließlich aufgerichtet und ein paar Schritte nach hinten gemacht hatte,
jagten mir einen weiteren Stich in mein bereits blutendes Herz. Warum reagierte
Kato immer auf diese Art, wenn er mich sah und wich mir aus?
Nicht nur, weil ich eine Antwort auf diese Frage haben wollte, war ich zu ihm
gekommen, sondern auch, um Kato etwas sehr wichtiges zu gestehen und ihn
gleichzeitig um etwas schier unmögliches zu bitten.
Schnell hatte ich den Abstand zwischen uns überwunden und griff nach Katos
Handgelenken, damit er nicht auf die Idee kommen könnte zu fliehen.
Doch er hatte wohl zu fest die dürren Handgelenke gepackt, denn Kato entwich
vor Schmerz ein Schmerzenslaut, welcher eine schmerzhafte Erinnerung in mir wach
rief.

Jene Erinnerung, die mein bisheriges Leben erneut eine Wende bescheren sollte.
Was dieser Mann bisher mit mir angestellt hatte, nicht körperlich, aber
seelisch, konnte ich all das, was er mit mir angestellt hatte, als eine einzige
Qual beschreiben, die sowohl süße Seiten, als auch dunkle Seiten versprach.

Die erste große Veränderung fand wenige Tage nach der Aufnahme in meiner
jetzigen Familie statt. Bei der Zeremonie hatte natürlich niemand aus der Bande
bei der kleinen Party, die darauf folgte, zu fehlen, mit der er künftig Seite
an Seite kämpfen sollte. Und so war auch Kato dabei gewesen, der sich sehr
distanziert im Hintergrund hielt, aber dennoch durch seine langen schlanken
Beine auffiel, die er nur mit einer Hotpans bekleidet zur Show stellte.
Natürlich war diese Absonderbarkeit dieses Mannes, welche er noch nie zuvor bei
einem Mann der Gesellschaft gesehen hatte, auffällig und so auch für Reita,
der alles Neue förmlich in sich aufzusaugen schien. Und das blieb nicht lange
unbemerkt. Mizuki, der Anführer der Bande, riet ihm nachdrücklich die Hände
und Augen bei sich zu lassen, sonst würde er ihn töten müssen. Damals hatte
Reita den Ernst in dessen Worte nicht verstanden, aber im Laufe seiner nächsten
Tage, die er noch unter Beobachtung stand, kam noch ein weiteres Bandenmitglied
dazu und wieder wurde gefeiert. Doch bei dieser Party kam der erste Schock. Kato
hatte zu viel getrunken und ein wenig zu ausgelassen auf der Tanzfläche seinen
heißen Körper zur Show gestellt und der Neue, der wohl nichts Böses dabei
dachte, hatte ihn angetanzt, was er mit seinem Leben büßen musste. Kato
hingegen wurde 'nur' geohrfeigt und strenger bewacht denn je und seitdem wurden
es immer weniger Neulinge. Warum Mizuki so entschied, konnte nur bedeuten, das
er davor Angst hatte, das weitere Unwissende seinem Eigentum zu nahe kommen
würden.
Doch nicht nur der Tod dieses eines Mannes, der nur ein wenig Spaß zu suchen
schien, hatte Reita nachdenklich werden lassen, sondern auch die Frage um diese
undurchschaubare Mizuki-Kato-Beziehung und auch die Verwirrtheit über ein
Gefühl, das er noch nie zuvor gespürt hatte... so etwas wie Eifersucht. Denn
als er den Neuen so nah bei Kato hatte tanzen sehen, war dieses Gefühl
unverständlicherweise aufgetreten und hatte Besitz von ihm und seinem Handeln
ergriffen und zwar so weit, das schließlich er es war, der Mizuki von dem Tanz
seines Freundes erzählte. Das Schlimme daran war die darauf folgende
Genugtuuung, das dieser Mann SEINEN Kato nie wieder anfassen könne. Doch seit
wann bitte, behauptete er, das Kato sein wäre?
Die nächsten Tage waren die Hölle für ihn, so glaubte er. Denn unbewusst
suchte er immer wieder Katos Nähe auf, wurde zunehmend tollpatschiger und
schaffte es nicht einen normalen Satz in seiner Gegenwart auszusprechen! Seine
Lage war zum Verrückt werden! Zumal er schwer mit sich zu kämpfen hatte, da
die Enthüllung, nämlich das er anscheinend Schwul zu sein schien oder
zumindest Bi, so plötzlich gekommen war, das es ihn förmlich den Boden unter
den Füßen fortgerissen hatte. Noch dazu hatte ihn die Verzweiflung gepackt, da
er von der Beziehung zwischen Mizuki und Toki wusste und von dem Verbot und den
darauf hinausführenden Tod, sobald man Kato auch nur zu nahe kam.

Doch jetzt war kein Mizuki hier, der ihn bei seinem Vorhaben stören könnte.
Auch kein Matsuda, der ihn im Auftrag von Mizuki beschattete, wie er einmal
heimlich miterleben durfte und das, obwohl er geglaubt hatte, Mizuki sei einer
seiner engsten Vertrauten und sein bester Freund, wie dieser selbst immer
behauptet hatte, aber da hatte er sich wohl gründlich getäuscht. Und diese
Ungewissheit wurde Gewiss, als er von Matsuda etwas erfuhr, was seine bisherige
Ungewissheit über seine Gefühle nun erst recht bestätigte und warum er nun
hier war. Hier bei Kato, der gerade im Begriff war sich aus meinem Griff zu
befreien, doch ich war stärker und das wusste wohl auch er, denn er gab es
recht schnell wieder auf und sah daraufhin mit einem unsicheren Blick zu mir
auf. Fragend reckte sich meine linke Augenbraue in die nördliche Atmosphäre.

"Ich tue dir nichts Kato, aber hör mich wenigstens an.", forderte er nun mit
verzweifelter Stimme und fuhr einfach fort: "Ich weiß zwar nicht, was Mizuki
dir gedroht hat, damit du mich meidest, aber... ich will dir wirklich nichts
Böses! Nein, dafür... dafür liebe ich dich zu sehr... Kato, bitte...", begann
er nun mit Bettelsstimme und ging in die Knie, senkte verlegen den Blick. "Bitte
nutze die Chance, von hier zu fliehen... Es ist niemand da außer wir... Flieh
mit mir! Ich verspreche dir, ich werde dich glücklich machen! Für mich... bist
du kein Objekt, das, wenn ich es will, tun soll, was ich verlange, so wie Mizuki
es tut, der dich niemals so sehr lieben kann, wie ich es tue... Bitte Kato!
Verschwinden wir von hier und suchen ein besseres Leben weit weg Tokyo!
Vielleicht nach Nagoya oder nach Kyoto!? Du wolltest doch bestimmt schon immer
dorthin, oder? Wenn du mit mir gehst, dann kann ich dir all das geben, was du
dir ohne mich nicht einmal in deinen kühnsten Träumen hättest erträumen
können! Bitte... Ich ertrage es nicht, dich leiden zu sehen. Du bist doch kein
billiges Spielzeug mit dem Mizuki machen kann, was er will und...!", ratterte er
seine Gedanken herunter und wollte gerade zu einer weiteren Ungerechtigkeit von
Mizuki Seite aus erzählen, während er wieder langsam aufgestanden war, als
Kato ihn durch einen kurzen, aber liebevollen Kuss alles vergessen ließ, was er
sich bis eben noch zurechtgelegt hatte.
Nachdem Kato sich nach diesem viel zu kurzen Kuss wieder von ihm gelöst hatte,
ertappte er sich dabei, wie er den verführerisch glänzenden Lippen nach sah,
über die sich Kato soeben geleckt hatte. Hammer...! Eindeutig, jetzt wusste er,
warum sein Herz so schnell in seiner Anwesenheit schlug und warum er sich in
einen Kerl verliebt hatte.

Doch nun war ich es wohl, der zuhören musste und ich hätte wirklich vor
Aufregung und Nervenkitzel laut schreien oder Kato durchschütteln können, aber
solche Aktionen wären wohl gerade jetzt nicht sehr hilfreich, also konzentriere
dich gefälligst Reita!

"Reita... ich weiß nicht, von wem du erfahren hast, welche Rolle ich hier
spiele, aber so oder so hättest du es irgendwann erfahren. Ich bin dir aus den
Weg gegangen, weil ich deine Gefühle bemerkt hatte und sie im Keim ersticken
wollte, bevor du auf dumme Gedanken kommen würdest, aber... wie ich sehe... hat
es sich nicht gelohnt, sich bei Matsuda einzuschleimen, damit er dich in meinem
Auftrag vor den Gefahren warnt...", erklärte Kato und seufzte tief ein und
wieder aus, während ich wie vom Donner gerührt dastand und mein Herz mir in
die Hose rutschte. Ich schluckte schwer und versuchte seinen folgenden Worten
auch noch zu folgen, während die aufsteigende Wut mein Blut langsam zum kochen
brachte, denn es rauschte bereits in meinen Ohren. "Außerdem musste ich mich
auch von dir fernhalten, weil Mizuki verdacht geschöpft hat und du weißt, wie
er ist Reita... Er würde dich töten! Und ich kann nicht einfach gehen...~ Ich
bin an ihn gebunden. Er möge mich vielleicht nicht lieben, aber ich liebe ihn.
Ja... so fair ist nun einmal das Leben zu uns, aber wir müssen versuchen damit
klar zukommen. Ich liebe dich nicht und dieser Kuss... der war nur dazu gedacht,
deinen Redefluss zu stoppen und weil ich dir danken wollte, das du dir solche
Gedanken um mich machst, aber bilde dir bitte nichts darunter ein! Es hat nichts
bedeutet. Er bedeutet, das ich dir für deine Mühen danke, aber... ich kann
Mizuki nicht verlassen und ich werde wohl für immer hier bei ihm bleiben, egal
wie unglücklich ich sein sollte. Solange ich bei ihm sein kann, bin ich
glücklich.", endete er seine die Situation aus seiner Sicht und schluckte
schwer, als er den schwer verletzten Blick des Blonden sah, welcher seine
Fingernägel tief in Katos Arme drückte, welcher trotz Schmerz nur ein
entschuldigendes Lächeln zu Stande brachte und plötzlich einen entsetzten Laut
ausstieß, als sowohl er, als auch ich, die immer lauter werdenden Stimmen
hörten.

Die anderen waren von ihrer Beutetour zurück und anstatt das Weite zu suchen,
stand er noch immer wie gelähmt an gleicher Stelle wie zuvor auch und bekam
kaum mit, wie Kato panisch versuchte, seine feste Umklammerung zu lösen. Reita
nahm kaum noch etwas seiner Umgebung war, nur das Blut in seinen Ohren, welches
alles zu übertönen versuchte und die Verzweiflung in seinem Herzen hatte
jegliche Reaktionen seines Körpers ausgeschaltet.

"Reita, lass los!", zischte Kato ängstlich und gab mir eine Ohrfeige, die sich
gewaschen hatte. Blinzelnd kam ich wieder zu mir, doch es war bereits zu spät.
Mizuki war im Türrahmen erschienen und sein Gesicht zeugte kein bisschen mehr
von der Heiterkeit, die man zuvor noch aus seiner Stimme entnehmen konnte. Auch
Matsuda, der neben ihm hergelaufen war, schien wütend zu sein, doch wohl mehr
auf sich selbst, das er es nicht geschafft hatte, mich Dichschädel
zurückzuhalten, denn er senkte den Blick und hatte die Hände zu Fäusten
geballt.

"ICH WUSSTE ES!!", brüllte Mizuki wie ein wütender Löwe und stürzte sich auf
uns, was so endete, das ich mit einer langsam anschwellenden Blauverfärbung um
mein rechtes Auge herum vor Schmerz aufstöhnend auf dem Boden landete und Kato
allein mit einer Ohrfeige bedient war.
"Zu dir komme ich später noch!", meinte Mizuki zu seinem Lover und wandte sich
erneut an den am Boden Liegenden, doch noch ehe er irgendwas hätte tun können,
warf sich Kato ihn um den Hals und zog ihn zurück. "Bitte Mizuki, nicht schon
wieder töten...! Können wir das nicht anders klären? Ich... Du darfst auch
alles mit mir machen, was du... willst.", versprach Kato mit leicht zitternder
Stimme und einen kurzen Seitenblick auf Reita, der sich stumm aufrappelte und
ungläubig sein Gesicht betastete.
Er wusste, was die Folge seiner Worte anrichten würde, denn Toki war, was den
Sex anging, sehr experimentierfreudig und Kato wusste, das er sich auf etwas
gefasst machen konnte, was die bisherigen Schmerzen bei weitem übertreffen
würde, aber er wollte nicht, das wieder jemand wegen ihm sterben musste und
schon gar nicht Reita, der wohl der Erste war, der ihn wirklich zu lieben schien
und sich tatsächlich Sorgen um ihn machte.

"WAS?! Aber...! Oh...", gab Toki immer leiser werdend von sich und schien
tatsächlich darüber nachzudenken, was er anstelle des sonstigen Angedrohten
tun könne. "Und was ist grausam genug, um den Tod zu ersetzen?", fragte er
immer noch gereizt und ließ sich die Liebkosungen an seinem Hals gefallen, was
ihn etwas besänftigte. "Bring ihn zum Rande der Stadt! Andere Banden werden
sich schon um ihn kümmern...", schlug Kato nach einigem Zögern vor und war
einen möglichst kalten Blick zu Reita, welcher den Blick nicht erwiderte, da er
viel zu sehr in Selbstmitleid versunken war. Er hatte nicht einmal mitbekommen,
das Kato ihn versuchte, vor dem Tod zu bewahren.
Einzig und allein drehten sich seine Gedanken um die Frage: warum? Warum er?
Warum alles auf einmal? Erst lehnte Kato ihn ab und dann sollte er auch noch
sterben?! Das waren eindeutig zu viele Informationen und Wendungen für ihn, als
das er sich nun auch noch um die beiden kümmern konnte, die sein Leben
zerstört hatten, und sich gerade in aller Seelenruhe schon fast an die Wäsche
gingen.

"Hm... Okay, aber wenn ich ihn jemals wieder sehen sollte, werde ich ihn
töten.", beschloss Mizuki zufrieden grinsend und drückte Kato von sich, um
sich erst einmal um den Blonden zu kümmern, der bis jetzt noch kein einziges
Wort gesagt hatte. //Wahrscheinlich Gewissensbisse, weil er mich hintergangen
hat.//, wünschte sich der Boss der Bande und zog Reita mit einem heftigen Ruck
an seinem Kragen zu sich. "Du hast echt Glück, das Kato für dich eingesprungen
ist, du Verräter!", keifte er und hatte die Augen zu Schlitzen verengt. "Du
wirst jetzt brav mit mir kommen und wenn du es wagen solltest zu fliehen, dann
mach ich dich kalt!", drohte er und schüttelte Reita aus Spaß ein wenig durch,
ehe er ihn losließ.

"Danke, für's Schütteln", wär mir beinahe entflohen, als ich dadurch meine
Sprache wiedergefunden hatte, jedoch beließ ich es bei einem Knurren, was mir
eindringliche Blicke Katos einbrachte. Doch was sollte dieser ihn noch kümmern?
Er liebte ihn schließlich nicht und sterben würde er eh ohne sie, da er
niemanden an ihrer Stelle hatte, kein Heim und kein Leben mehr außerhalb dieses
Viertels.
So also folgte er Mizuki und ließ Kato ohne noch ein weiteres Wort zu sagen
zurück, um mit ihm und einigen anderen aus ihrer Bande zum Rande der Stadt zu
fahren. Dort angekommen, beförderte sein ehemaliger bester Freund den Blonden
mit einem Tritt aus dem Auto und hetzte zusätzlich seine Gefolgsleute auf ihn,
die ohne mit der Wimper zu zucken und ohne ein Wort zu sagen, den Befehl ihres
Anführers ausführten und Reita heftig zusetzten, um dann anschließend lachend
in ihrem todschicken Wagen davonzufahren und einen bewusstlos geschlagenen Reita
zurück zu lassen.


Doch ohne jeder Erwartung ließ sich das Glück seit langem mal wieder in Reitas
Leben blicken und bescherte ihn ein freundliches älteres Paar herbei, die
gerade auf der Durchfahrt waren und ihn am Straßenrand haben liegen sehen.
Gutherzig wie sie waren, hielten sie ihn in ihr Auto und fuhren Reita in das
nächstgelegene Krankenhaus.
Und schließlich kam es dazu, das Reita, der weder Familie noch Heim besaß, bei
dem älteren Paar Unterschlupf finden konnte.

~Rückblick Ende~


"Nein, Kru, das war alles. Melde dich, sobald du näheres weißt, ich werde dann
bei dir sein. Und schalte dein Handy auf lautlos, ich werde dir eine Nachricht
schreiben, wenn ich etwas herauskriegen sollte." Hizumi legte auf und fuhr sich
mit den Händen durchs Haar. Warum war alles so kompliziert, seit der
Schwarzhaarige da war? Ein ungutes Gefühl beschlich ihn und er stand auf und
ging zum Fenster, sah nach draußen. Das schlechte Gefühl blieb... Er seufzte
und verließ sein Zimmer, ging wieder hinunter zu Aoi. Schon von weitem hörte
er ihn schluchzen... Er beschleunigte seine Schritte nur noch mehr und war schon
bald bei ihm. "Aoi! Was ist los??", fragte er und ließ sich in einigem Abstand
zu Boden sinken.

Tränen über Tranen rannen über Aois blasse Wangen und zauberten einen
leichten Rotschimmer um Auge und Wange. Seine Gedanken und seine Vernunft hatten
sich kurz nach dem Telefonat mit dem Boss verabschiedet und ließen ihn nun
dumme Dinge verrichten, die ihm mehr schadeten, als ihm helfen sollten. Kein
Schmerz empfand er mehr in seinem Denken und Fühlen, da sein Kopf, der voller
Verzweiflung unter dem Druck zu zerbrechen drohte, zu erfüllt mir Kälte und
Angst war, als das er sich um sich sorgen konnte! Sein Reita lebte! Aber nun
wollte der Boss ihn wohl auch wieder haben und das nur, um ihm nur noch mehr
Schaden erleiden zu lassen, bevor der Tod sie endlich aus dieser grauenvollen
Welt riss. Nein, so sollte es nicht sein! Er wollte seinen Reita froh und gesund
neben sich oder auch in seinen Armen wissen und wissen, das nichts ihnen mehr
anhaben könne. Doch hatte er allein, ein schwächliches, vom Leben gezeichnetes
Geschöpf, auch nur den Hauch einer Chance gegen den Boss und seine Leute? Nein,
wie auch?! Er schaffte es ja noch nicht einmal sich aus diesen Ketten zu
befreien, geschweige denn, sich lange auf den Beinen zu halten, so erschöpft
wie er war. Er war ein Wrack! Eines, das seinem Liebsten in keinster Weise
helfen konnte...

Laut jammerte er auf und warf sich noch einmal entgegen der Wand. Doch auch wie
schon zuvor, wurde er zurück gerissen, krachte mit einem knackenden Geräusch
gegen die Wand und sackte schließlich verzweifelt an ihr herunter, seine blutig
aufgeschürften Handgelenke missachtend, die er um seinen zitternden Körper
schlang. Die Beine hatte er angewinkelt und wippte nun leicht in seiner
umschlungenen Körperhaltung vor und zurück. Sein fiebrig glänzender Blick,
gemischt mit Tränen, irrte über den Boden, auf der Suche nach dem Schlüssel
für die Handschellen oder auch einer simplen Haarnadel, mit der er das Schloss
knacken könnte.

Doch nichts ließ sich hier finden außer Staub, Mäusereste und einem toten
Mann. Und gerade als sein Blick auf einen dunklen Vorhang fiel, der etwas zu
verstecken schien, wurde er aus seinen wirren Gedanken gerissen und sah
erschrocken, wie paralysiert, zu Hizumi auf, der ihm mit einem teils besorgten,
teils fragenden Blick taktierte.

Mit zitternden Händen wies er auf das Handy, das vor ihm auf dem Boden lag.
Dann öffnete er den Mund und wollte etwas sagen, doch kein Laut drang aus
seiner wie zugeschnürten Kehle. Tief einatmend schloss Aoi kurzzeitig die
Augen, nur, um dann noch ein wenig verzweifelter zu Hizumi aufzuschauen.
Vielleicht könnte der andere ihm helfen??!

"D-der Boss hat diesen Mann geschickt und... und er will mich, um Reita... um
ihn noch mehr zu quälen, bevor wir sterben! Morgen ist Reita Tod!", meinte Aoi
und koordinierte sich so um, das er auf den anderen zukrabbeln konnte und die
Hände bittend zu erheben. "Bitte...! Du musst mich gehen lassen! Ich muss ihn
retten! Sofort!", setzte er mit Nachdruck hinzu, vergaß sogar den Kuss in
seiner Situation und krallte sich schließlich in das Oberteil des
Schwarzhaarigen fest. "Lass mich frei...!", bat er noch einmal und sah
verzweifelt auf.

"Aoi! Beruhige dich! Ich... ich kann dir nur helfen, wenn ich genauer Bescheid
weiß... Niemand wird dich kriegen... Und jetzt haben wir endlich eine Spur!
Also... Wenn du mir versprichst, nichts Dummes zu tun und... uns die Sache zu
überlassen... Okay... Dann befreie ich dich... Aber du wirst dich waschen und
dir was ordentliches anziehen, hast du gehört? Dein... Freund... soll nicht
sofort sehen, wie es dir geht...", murmelte er und strich ihm über die
verletzten Handgelenke. "Ich werde das versorgen... Komm mit. Und vertrau mir,
ja? Wenn du das nicht tust, werde ich dich wieder einsperren, denn ich habe
Sakito versprochen, auf dich aufzupassen und hier bist du nun mal in absoluter
Sicherheit." Hizumi sah ihn an, ernst, jedes seiner Worte war absolut ehrlich
und ernst gemeint.

Verständnislos blickte der Schwarzhaarige in das ernst wirkende Gesicht seines
Gegenübers und auch wenn er Hizumi vor Wut am liebsten etwas entgegnen würde,
musste er klein beigeben! Schließlich konnte er als einzelner nichts
ausrichten. So musste er wohl oder übel auf die Bedingungen Hizumi eingehen und
brav befolgen, was er von ihm verlangte.
Während er also zaghaft nickte, Hizumi dabei allerdings keines Blickes
würdigte und wieder von ihm abließ, tobte in ihm ein erbitterter Kampf. //Hat
er nicht begriffen, wie ernst die Lage ist?! Reita wird schon in wenigen Stunden
Tod sein und ich soll mich herrichten?! Weiß er nicht, wie es ist, seinem
Liebsten so nah und doch wieder so fern zu sein?! Solang bis die Sehnsucht einen
fängt und einen brutal auf den Boden der Tatsachen zurückholt, in dem er dem
Besitzer dieses Gefühls klar macht, völlig allein mit seinen Gefühlen zu
sein?! Verdammt Hizumi! Wir haben keine Zeit zu verlieren!//, dachte Aoi und
hätte es dem Schwarzhaarigen am liebsten direkt ins Gesicht gebrüllt, damit er
endlich begriff, das Reita nicht einfach nur ein Freund war...
"Bitte... bitte finde so schnell wie möglich heraus, wo er ist...", bat er ihn
noch ein letztes Mal mit brüchiger Stimme und versuchte aufzustehen. Die
Berührung an seinen schmerzenden Handgelenken nahm er kaum war, so geblendet
war er von den auf ihn einströmenden Gedanken und verwirrenden Gefühlen.
//Ich soll ihm vertrauen... Die Ausnahme mache ich für dich Rei... Ich hoffe,
ich werde es nicht bereuen... Sonst vergess ich mich... Nur warum ist er so
verdammt... nett? Mein Verstand sagt mir, ich sollte mich vorsehen, mein Herz
sagt mir, ich solle mich fallen lassen... Aber kann ich das?//, fragte er sich
und schmulte unsicher zu Hizumi.

Hizumi sah Aoi an und zog ihn hoch. "Na komm mit. Ist das das Handy, auf dem der
Mistkerl angerufen hat?", fragte er und nahm es zur Sicherheit an sich. Dann
brachte er Aoi in sein Arbeitszimmer und setzte ihn auf die Couch, verschloss
die Tür. "So, das ist zu deiner und meiner Sicherheit." Er lächelte und
verschwand im Badezimmer, kam mit einer Schüssel warmen Wassers und Tüchern
zurück. "So... Wasch dir ein bisschen das Blut und den Dreck ab, ja?" Er ging
zu seinem Schreibtisch und untersuchte das Handy, drückte auf Wahlwiederholung
und notierte die Nummer, ehe eine Verbindung hergestellt werden konnte. Dann
klappte er seinen Laptop auf und tippte schnell etwas hinein, er suchte den
Besitzer der Nummer, hackte sich in das Netz des Telefonanbieters und endlich
hatte er die Nummer. Dann grinste er und nickte. "Got'cha, mein Freund. Jetzt
hoffen wir mal, dass du so dumm warst, und dein Handy noch an hast. Aoi? Komm
mal bitte her." Auf dem Bildschirm war das Bild des Bosses zu sehen. Hizumi sah
ihn an und drehte ihm den Laptop zu. "Ist das der Kerl?"

Als Aoi so plötzlich von Hizumi gepackt und hochgezogen wurde, entkam dem
Schwarzhaarigen ein überraschter Laut und reflexartig krallte er seine Hände
um die Handgelenke des anderen, um nicht zu fallen, falls dieser ihn plötzlich
loslassen sollte. Man wusste ja nie...~
"Entschuldige...", murmelte er verlegen und entließ Hizumis Handgelenke sofort
aus seiner Umklammerung, kaum das er stand. Mit einem ängstlichen Blick auf das
Handy, auf das Hizumi dann ansprach, nickte er und verfolgte die Bewegungen des
anderen, welcher gerade nach etwas in seiner Hosentasche zu suchen schien, dann
einen Schlüssel hervor zog und ihm die Handschellen abnahm, die ihm zuvor noch
ins Fleisch geschnitten hatten. Erleichtert atmete er auf, als das Gewicht von
ihm abfiel und ein Gefühl der Freiheit ihn für einen kurzen Moment einholte.
//Wie schön es doch wäre, mit Reita diese Freiheit zu genießen...!//, dachte
er sehnsüchtig, fast verzweifelt und fragte sich gleichzeitig, ob dies wohl
jemals in ihrem Leben noch möglich würde.
Und während er so in seine Gedanken vertieft war, nahm er nur nebenbei wahr,
wie sie den Raum verließen, den Hizumi wieder hinter sich so gut es eben ging
schloss, wie eine wohl größere Ansammlung an linkischen Menschen um sie
herumwuselten und auseinander stoben, wenn sie an ihnen vorbei wollten, Hizumi
dabei in gebückter Haltung ehrenvoll grüßten und schließlich wie er einen
Raum betrat, so viel schöner als der dunkle kellerartige Raum war. Dort wurde
er von Hizumi durch eine stumme Geste dazu gebracht, sich zu setzen und er
folgte, ebenfalls stumm, und sah sich neugierig um.
Er wurde erst wieder aus seinen Erkundungen gerissen, als er das Geräusch einer
einrastender Tür hörte. Ein ihm nur allzu bekanntes Geräusch seiner
Vergangenheit, die ihn immer wieder in Panik versetzte, egal wo er sich befand,
mit wem und wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Abgeschlossene Räume
bedeuteten nichts Gutes. Irgendetwas geschah immer, wenn Räume abgeschlossen
wurden und obwohl dieses Zimmer sehr viel größer war als das Zimmer, aus
seiner Vergangenheit, an welches er nie wieder auch nur denken wollte, überkam
ihm das Gefühl der Bedrängnis, der Platzangst.
Wie versteinert blickte er mit weit aufgerissenen Augen zu Hizumi auf, bevor
sein Blick fieberhaft durch das Zimmer schnellte und er schließlich aufsprang,
um, wenn möglich, fliehen zu können. Egal wohin, doch durch das plötzliche
Aufstehen und dem zusätzlich noch rasendem Herzen und der panischen Angst,
wurde Aoi kurz schwarz vor Augen und er sank wieder zurück auf die Couch, zog
die bleischweren Beine an und versteckte seinen Kopf zwischen Knie und Brust,
murmelte dabei penetrant immer wieder die selben Worte und starrte in Leere:
"B-bitte nicht... hör auf... lass mich doch gehen..." Wie gelähmt verharrte er
in dieser Position und überhörte die beruhigenden Worte Hizumis.
//Er soll aus meinem Kopf verschwinden!!//, schrie er innerlich und presste die
Augen zusammen, wollte die Bilder verdrängen, die ihn einzuholen drohten.

>Du sehnst dich nach der Liebe deiner Eltern? Ich kann dir Liebe geben und dann
werden dich auch deine Eltern lieben.<,
hatte sein Onkel zu Beginn seines Leidweges zu ihm gesagt, doch da war er noch
zu naiv gewesen, ihm zu glauben und die Ausmaße seines Handelns zu begreifen.
Nur Schmerzen hatte es ihm gebracht und noch mehr Hass von seinen Eltern, die
ihm doch nur einmal sagen sollten, wie sehr sie ihn liebten!
Damit hätte ich Aoi damals zufrieden gegeben, aber nach dem schrecklichen
Unfall seiner Eltern, kurz nachdem sie ihn verleumdet und beschuldet hatten, war
er sofort hinter Gittern gebracht wurden und erst dort erfuhr er von ihrem
Schicksal. Damals war eine Welt nach der anderen über ihn zusammengebrochen,
die er sich zum Schutz erschaffen hatte und die Frage nach dem Grund seiner
Existenz zermarterte jeden Tag auf Neue seinen glühenden Kopf, bis er
irgendwann aufgegeben hatte darüber nachzudenken und sein Leben ihm wertlos
schien.

Doch wieder war es Hizumi, der ihn aus seinen Gedanken riss, indem er, die Ruhe
in Person, vor ihm stand und ihm eine Schüssel und einen Lappen hinhielt, mit
dem er seine Wunden säubern sollte.
Nur langsam wich seine Versteinerung, wichen die negativen Gedanken und mit
zittrigen Händen griff er nach den beiden Dingen, hielt den Kopf dabei, Hizumis
Blick ausweichend, gesenkt und stellte die Schüssel samt Lappen neben sich auf
dem Boden ab und um sich dann vorsichtig mit Hilfe seiner wackligen Beine auf
selbigen niederzulassen. Schließlich wollte er die Couch nicht mit seinem Dreck
beschmutzen. Etwas neben der Spur griff er nach dem Lappen und begann seine
blutigen Handgelenke zu säubern, den Schmerz dabei verbissen ignorierend.
Als er damit fertig war, ließ Aoi den Lappen in das Wasser gleiten und
versuchte ihn dort von seinem Blut zu säubern. Und während er gedankenverloren
in das Wasser starrte, nahm er sein Spiegelbild war, das durch die vielen
Bewegungen im Wasser sehr verzerrt wirkte. Erschrocken ließ der Schwarzhaarige
den Lappen aus seiner gleiten und tastete sein Gesicht mit den Händen panisch
ab. //Bin das wirklich ich?!//, fragte er sich und wollte seinem eigenen
Spiegelbild kaum glauben. //Ich bin in den letzten Jahren sehr gealtert... Wie
kann mich Reita nur lieben, so wie ich bin?! Ich sehe doch scheußlich aus!//,
dachte er verständnislos und verzog nachdenklich die Stirn. //Er... hat mir
noch nie gesagt, das er mich liebt.//, fiel ihm plötzlich auf und ihm war, als
rutsche sein Herz ihm in die Hose. Selbstbewusstsein war noch nie seine Stärke
gewesen, wenn es um Beziehungen ging. Mal davon abgesehen... das er vor dieser
schrecklichen Zeit nur eine kurze Beziehung hatte und sein Partner Schluss
gemacht hatte.
//Ich hab es als selbstverständlich gesehen, da er so nett zu mir war, mein
Herz in seiner Nähe klopft, als wäre jemand oder etwas hinter es her und immer
bei mir war, für mich da war und mir zugehört hat! Warum hab ich nie
nachgefragt...? Liebt er mich?//, fragte er sich und dachte über ihre
gemeinsamen Momente nach. //Natürlich tut er das! Er... er kann es nur nicht...
nicht sagen. Ja, so wird es sein.//, verteidigte er ihn schließlich und sah
noch einmal in das Wasser, um sich betrachten zu können. "Hm..~", grummelte er
und fischte den Lappen aus dem Wasser, da dieser ihm die Sicht versperrte. Dann
betrachtete er sein Gesicht und drehte es von der einen Seite zur anderen und
wieder zurück, Schnitt Grimassen und versuchte ein Lächeln, um zu sehen, ob er
es noch konnte. Aber da sein Lächeln eher wie eine schlechte Grimasse aussah,
ließ er es lieber bleiben und seufzte traurig auf. Und je näher sein Gesicht
der Wasseroberfläche kam, desto größer schien der Schmutz zu sein, den Aoi
plötzlich wahrnahm und mit einem Mal hatte er sein Gesicht in die Schüssel
getaucht. Die Augen hielt er geschlossen und den Atem hielt er an. Es schien,
als wolle er versuchen, den Dreck, der auf seinem Körper lastete, auf diese
Methode wegspülen zu wollen, aber er wusste auch, das Reita seine Hilfe
brauchte und so tauchte er auch recht bald wieder auf und strich sich die nassen
Haare aus dem Gesicht. Sehnsüchtig blieb sein Blick an dem Wasser hängen und
wieder seufzte er.
//Es könnte alles so einfach sein...//, dachte er und verzog das Gesicht, als
er die Nässe spürte, die durch das Wasserspritzen verursacht wurde. Und wieder
kamen Erinnerungen auf. Erinnerungen an das eiskalte Wasser, was ihn einmal die
Woche bis auf die Knochen gefrieren ließ und an das kochende Wasser, das ihn
verbrannte. Sowohl innerlich als auch äußerlich. Wie scheußlich solch Qual
war, wünsche er niemanden, denn es war kaum auszuhalten. Nicht einmal für ihn,
der diese Behandlung drei Jahre lang jede Woche ertragen musste...
Und wie im Reflex packte er sein Oberteil und zog es sich über den Kopf aus.
//Ausziehen... Dusche... Anziehen... immer wieder...//
Das Stück Stoff ließ er neben sich fallen und zögerlich senkte er den Blick
auf seine geschundene Brust, die überseht von sämtlichen Wunden überdeckt
war. Trocken schluckte er und ließ seine zittrigen Fingerspitzen vorsichtig
über seine Brust gleiten. Doch anscheinend war er nicht sanft genug, denn ein
heftiges Ziepen ließ ihn zischend einatmen. Wenn er genauer hinsah, dann
ließen sich für ihn deutlich violett angelaufende Schwellungen erkennen, die
dazu noch höllisch brannten, wenn er sie berührte. "Au man...", murmelte er
fasziniert und tastete weiter, bis er schließlich vor Schreck zusammen
schreckte, als ihn Hizumi plötzlich dazu aufforderte, sich etwas anzusehen. Was
er da in den letzten Minuten genau getan hatte, wusste er nicht, aber er hoffte,
das es etwas Gutes bedeutete, denn allmählich ließ ihn seine Situation
verrückt werden. Immer weniger verstand er, was Reita wohl an ihm finden sollte
und erste richtige Zweifel kamen auf, was die Gefühle des Blonden zu ihm
angingen. Dieses Mal rettete sein Gefühl Reita nicht. Dieses Mal verteidigte er
ihn nicht und die Zweifel, die zurück blieben, nagten an ihm, wie lästiges
Kleingetier. Er brauchte dringend Ablenkung!
//Ich halte das nicht länger aus...! Hat mein Leben einen Grund oder hat es ihn
nicht?!//, fragte Aoi sich und wünschte, er würde sofort die richtige und
ehrlich gemeinte Antwort von Reita erfahren, aber dieser war weit weg von ihm,
noch unerreichbar und unsprechbar in diesem Moment, in jenem er ihn doch so am
dringendsten brauchte!

Immer noch mit den Gedanken bei Reita, stand Aoi mühsam auf und wandte sich an
Hizumi. Jedoch bemerkte er zu spät dessen entsetztes Gesichtsausdruck, als
dieser seinen Oberkörper sah, da sein Blick zu allererst auf den Bildschirm des
merkwürdigen elektronischen Gerätes fiel. Entsetzt riss er die Augen auf und
taumelte zurück. "D-d-d-a... d-d-a..!", begann er immer wieder, doch sein
Stammeln ließ sich nicht aus seiner Stimme verbannen, solange er dieses
verhasste Gesicht im Blick hatte.
Um sich zu beruhigen, kniff Aoi schließlich die Augen zusammen und atmete tief
ein und aus. Wut überkam ihn, als er wieder an den Boss denken musste. //Und
das alles nur wegen ihm! Warum musste er mir dieses Bild zeigen!? Und woher hat
er das?! Kennt er ihn etwa? ... Ist er Teil seines schrecklichen Spiels?!//,
fragte er sich und wieder stieg Angst in ihm auf. Angst vor einer weiteren
Enttäuschung, da Hizumi doch ein recht netter Kerl zu sein schien.

Dann plötzlich packte Aoi wütend den Laptop, hielt ihn hoch über seinen Kopf
und überlegte, ob er ihn zu Boden schmeißen solle, um das Bild und die
Erinnerungen zu zerstören, aber da dieser hoch moderne Laptop, schließlich
sahen die vor drei Jahren noch ganz anders aus, nicht sein Eigentum war,
zögerte er dennoch. "Verflucht seist du...!", presste er zähneknirschend
hervor und starrte zu Boden. "Nicht mal das kann ich...", setzte er dann nach
weiteren verstrichenen Sekunden des Zögerns hinzu und ließ den Laptop wieder
sinken. Mit ausdrucksloser Miene stellte er den Laptop wieder auf dem Tisch ab
und sah zu Hizumi auf. "Tut mir Leid... Ja, er ist es... Woher... woher hast du
das Bild? Kennst du... ihn?", fragte er und machte sich innerlich bereits auf
einen weiteren Schlag bereit.
//Sag mir bitte, das ich mich nicht in dir getäuscht habe!// Abwartend schlang
er die Arme um seinen Oberkörper und zischte dabei schmerzhaft auf.

Hizumi bemerkte erst jetzt, dass Aoi sein Oberteil ausgezogen hatte und er
stutzte. So konnte er auch nicht rechtzeitig reagieren, als dieser sich seinen
Laptop griff. Recht hilflos streckte er die Arme aus, würde Aoi das Gerät
fallen lassen, wäre alles umsonst gewesen... "Nicht.." Erleichtert sah er, wie
er den tragbaren PC wieder hinstellte. "Beruhige dich, ich habe nachgesehen, wem
das Handy gehört, im Internet... Das ist also das Schwein, das für alles
verantwortlich ist?", fragte er und strich Aoi sanft über die Hand. Mehr traute
er sich nicht, er hatte gemerkt, wie unberechenbar Aoi sein konnte und wie sehr
er in der Vergangenheit noch gefangen war. Doch so halb unbekleidet konnte er
ihn auch nicht lassen... Er stand vorsichtig auf, ging zu einem Schrank und
hielt Aoi eins seiner Hemden hin. "Hier... zieh das an, ja? Eine passende Hose
hab ich hoffentlich auch... und einen Verbandskasten... Kannst du das selbst
oder kann ich dir helfen?", fragte er sanft lächelnd.

Aoi zuckte überrascht zusammen, als Hizumis Hand plötzlich über seinen
Handrücken strich, um ihn anscheinend beruhigen zu wollen, doch Aoi war zu
aufgewühlt, um sich tatsächlich beruhigen zu lassen! Er brauchte mehr als nur
ein leichtes Streicheln, er brauchte Liebe und Verständnis... und die glaubte
er nur, bei Reita finden können, welchen er nun durch Hizumis Hilfe gefunden
haben zu glauben schienund... wenn Reita ihn tatsächlich liebte, was er sich
sehnlichst erhoffte.
"K-können wir ihn damit auffinden?", fragte er hoffnungsvoll und zeigte auf den
Laptop, dessen Bildschirm er sicherheitshalber von sich weggedreht hatte. Er
wollte keinen weiteren Ausraster riskieren.
Als Hizumi aus seinem Stuhl aufstand und um den Tisch herumging, verfolgte er
ihn argwöhnisch mit seinen Blicken. Dann wurde ihm ein Hemd hingehalten, das
Hizumi aus einem der Schränke gezogen hatte. Fragend musterte er dies,
kombinierte Hizumis Aussage mit dem Fakt, wie er herumlief. Peinlich verlegen
nahm er das Hemd entgegen und senkte den Blick. "Tut mir Leid, wenn du... das
hier sehen musstest...", entschuldigte er sich für den unschönen Anblick
seiner von Narben und anderer Wunden gezeichneten Brust. Dann meinte der andere,
das er auch eine Hose haben müsse und Aoi blickte verwirrt an sich hinunter.
Gut eine weiße Hose, die fast so viele Flecke und so viel Schmutz aufwies, das
man meinen könne, sie wäre Schwarz mit weißen Punkten, war nicht sehr schön
mit anzusehen. Das wollte er nicht abstreiten.
Bei der nächsten Frage hob der Schwarzhaarige verwirrt die Augenbrauen, legte
die Stirn in Gedankenfalten und ließ wieder einmal den Blick sinken. "Ano...",
begann er und wusste nicht so Recht, was er antworten sollte. Meinte Hizumi nun
seine Brust oder seine Handgelenke? Denn sicher war, das beides dringende
Verpflegung benötigten. Unsicher trat er von einem auf das andere Bein. "Ich...
ich bräuchte schon... Hilfe... ja...", setzte er murmelnd hinzu und sah
unsicher auf. "Aber bei...," begann er erneut und deutete mit verbissenem
Gesichtsausdruck auf seine Brust, ehe er weiter sprach ", bräuchte ich wohl
mehr als nur einen Verband und vielleicht etwas Wasser... Dafür haben wir aber
jetzt keine Zeit! In wenigen Stunden soll Reita sterben, Hizumi!", sagte er mit
Nachdruck und wollte sich gerade das Hemd überziehen, blieb aber darin stecken,
da er vergessen hatte am Kragen die Knöpfe zu öffnen. "Das Hemd ist zu
klein...", meinte er im Schmollton und gab es auf, den Kopf durch den viel zu
engen Kragen zu quetschen. Und immer wenn der Stoff des Shirts an seine Wunden
kam, verzog Aoi das Gesicht.

Hizumi half Aoi, sich das Hemd richtig anzuziehen. Er musste lächeln, als er
das Unbeholfene sah.

+~+

"Hey! Sag das nicht! Es hat sich in den letzten Jahren viel verändert! Woher
soll ich denn wissen, das der beste Auftragskiller Japans so leicht stirbt,
hä?!", fuhr der Boss Shi an, um sich zu verteidigen und steckte das Handy
zurück in seine Hosentasche.
"Darum ging es nicht! Aber du sollst erst denken, bevor du sprichst! Kann doch
sonst wer an dieses Teil rangehn! Deswegen verabscheue ich solche Technik auch.
Nimm dir ein Beispiel an mir!", meinte der Silberhaarige und beugte sich über
Reita, der Gedankenverloren zu dem anderen Gefangenen sah. Böse grinsend, da
die Überraschung, die noch folgen würde, äußerst brutal werden würde und
die Vorfreude darauf in ihm langsam aufstieg.
Er sicherte die Ketten und überprüfte nun auch die des anderen, der ebenfalls
zu Reita blickte. //Erinnerungen werden wohl gerade ausgetauscht.//, dachte er
und lachte innerlich auf. //Umso schöner wird es, wenn das Finale eintritt. Ich
weiß gar nicht, worauf er noch wartet...!//, meinte er und richtete sich abrupt
auf, als ein merkwürdiger Laut durch die große düstere Halle fegte. Mit
düster verzogenem Gesicht folgte er dem Geräusch und landete direkt bei seinem
Spielgefährten, der mit verwirrtem Gesichtsausdruck sein Handy aus der Tasche
zog und es begutachtete. Mit zu Schlitzen verengten Augen erhaschte er einen
Blick auf das Display und bevor sein Gegenüber auch nur an den Gedanken kommen
könne, das Gespräch anzunehmen, versiegte das Klingeln auch schon wieder.
"Merkwürdig... das war der Killer...!", murmelte der Boss und ehe er eine
richtige Entscheidung fällen konnte, was nun zu tun war, wurde ihm das Handy
plötzlich von Shi aus der Hand gerissen. "Hey, gib mir das sofort wieder
zurück, Shi!", sagte der Boss verärgert und wollte es sich zurückholen, doch
mit einem Schritt zur Seite, brachte dieser ihn eher zum Stolpern. "Was hast du
damit vor?!, setzte er also fragend nach und versuchte sich erneut das Handy
zurückzuholen, doch Shi wich ihm erneut aus.
"Wie blöd musst du sein, das du mich das fragst?!", antwortete Shi und schmiss
das Handy mit voller Wucht auf den Boden, sodass es in seine Einzelteile
zersprang.
Mit fassungslosem Gesichtsausdruck starrte der Boss auf sein ehemaliges Handy
und dann zu dem zufriedenem Gesichtsausdruck Shis. "Wofür war das denn
jetzt?!", schrie er ihn verständnislos an und scharrte mit dem Fuß die
Einzelteile zu einem Haufen zusammen.
"Bist du blöd, oder tust du nur so? Schon einmal etwas von Ortungsgeräten
gehört? Ich habe wenig Ahnung von der Technik außerhalb dieses Schlosses, aber
so viel Grips hab ich dann doch noch. Außerdem nervt mich der Klingelton. Und
jetzt heul hier nicht rum."
Endlich verstehend ließ der Boss sein Handy Handy sein und begab sich
stillschweigend zu seinem 'Thron', um sich zu setzen und lieber Shi das Feld zu
überlassen. So dumm, wie er sich jetzt teilweise gegenüber seines Konkurrenten
benommen hatte, wusste er nicht einmal mehr, was er noch sagen sollte und
durfte. Shi war ein ernst zunehmender Gegner, der ihn nun schon des öfteren
Bloß gestellt hatte und in seiner Ehre gekränkt zog ein Mann, der viel von
sich hielt, sich lieber erst einmal zurück und beobachtete das Schlachtfeld von
außen, eher er sich später gewinnbringend einbrachte und das Feld somit wieder
an sich reißen konnte.
Vielleicht hatte er aber auch nur Angst, noch einmal zu versagen...

+~+

Mit einem Grinsen nahm Kru, der endlich fündig geworden war, sein Handy hervor,
um Hizumi anzurufen und während er darauf wartete, das der andere ran ging,
besah er sich den blutbesudelten Ring, der er in einem Graben gefunden hatte.
Als er nämlich der Autospur gefolgt war, hatte er sich zur Vorsicht in dem
Graben niedergelassen, um nicht gleich gesehen zu werden, falls Wachen sich hier
herumtrieben, was nach Krus Gespür nicht der Fall war, was für ihn stark nach
einer Falle roch oder nach bloßer Dummheit! Sicher würde man nie darauf
kommen, in diesem heruntergekommen Schloss nach Leben zu suchen, aber ganz
sicher hatte man Reita hierher geschleppt, soviel stand fest. Und dieser Ring
bewies es. Darauf war nämlich dessen Namen eingraviert.
Zu dumm nur, das er auf die nächsten Anweisungen seines Bossen warten musste.
Kru würde sich nur zu gerne einmal umsehen.

~+~

Nachdem er Aoi so betrachtet hatte, beugte er sich wieder über seinen Laptop
und fluchte unfein, als er sah, dass das Signal verloren war. //Fuck...// Er
notierte sich die letzte Position und schickte Kru eine SMS. "Kru. Wo bist du?
Ich hab das Signal des Handys der Kerle eingrenzen können auf 10 km." Er nannte
ihm die Position und seufzte. "Reita hat noch bis zum Morgengrauen Zeit, dann
bringen sie ihn um. Sag mir bitte, wenn du was gefunden hast und ruf an."
Als er die SMS abgeschickt hatte, sah er auf sein Handy und sah erstaunt, das es
klingelte. "Kru? Das ging aber schnell! Ich habe dir gerade geschrieben. Hast du
die Mail gelesen oder hast du was herausgefunden?" Er gab Aoi mit einem Wink zu
verstehen, dass dieser ruhig bleiben sollte und strich ihm nochmal beruhigend
über die Hand.

Überrascht lugte Aoi hinter den nun geöffneten Knöpfen hervor und senkte, als
er Hizumi sah, peinlich berührt den Blick und wandte sich schnell ab. //Gott,
war das peinlich!//, dachte er und zog das Shirt an seine zu sitzenden Stellen.
Dann besah er sich die Knöpfe am oberen Kragenrand und fragte sich, wann er das
letzte Mal solch ein Hemd gesehen hatte. Verwirrt wandte er sich an Hizumi, als
dieser zu fluchen begann und hob die Brauen. Unschlüssig beobachtete er den
anderen, welcher ihn kaum noch zu zu bemerken schien, was ihn schon irgendwie
störte. Doch um über seine Gefühle nachzudenken blieb ihm nicht viel Zeit,
denn als Hizumi plötzlich zu sprechen begann, reagierte seine Neugier und ließ
ihn mit großen Augen aufschauen. //Neues von Reita??!//, fragte er sich und
versuchte etwas über Hizumis Gesichtsausdruck herauszufinden.

"Ich wollte dich eh gerade anrufen. Ehrlich gesagt, hat mich deine Nachricht
eher überrascht. Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, ihn zu finden,
obwohl du immer noch im Quartier bist, aber du warst eben schon immer besser und
klüger als ich. Na jedenfalls... Also ich hab ihn auch, nur hat es bei mir
etwas länger gedauert... Ich befinde mich hier gerade in so einer Art Graben
und habe den Ring von diesem Reita gefunden. Blut hat an ihm geklebt. Sicherlich
wollte er eine Spur hinterlassen. Was mich wundert ist, das hier keine Wachen
herumstehen. Darf ich mich ein bisschen umsehen? Und... wann kommt ihr nach?
Denn wie du schon geschrieben hast, haben wir nicht mehr viel Zeit.", merkte Kru
noch einmal an und lugte aus dem Graben hervor, um die Gegen noch weiter zu
inspizieren.

"Ein Ring? Gut.. Hör zu, ich lasse dein Handy orten. Bis ich deinen genauen
Standpunkt habe, bleib in dem Graben und tu nichts bis ich da bin, hörst du?
Verhalte dich ruhig Kru. Kein Handeln auf eigene Gefahr, ich meins ernst. Wenn
wir stürmen brauche ich jeden einzelnen von euch. Aoi hat ein Gespräch
belauscht, wir greifen im Morgengrauen an, bis dahin habe ich einen Plan
erarbeitet. Bist du bewaffnet? Wie ist der Zustand deines Akkus? Wie ist dein
Empfang? Wir dürfen auf keinen Fall den Kontakt zu dir verlieren." Während er
sprach ging er schon zu seinem Laptop und ließ Krus Handy orten, dann sah er zu
Aoi und lächelte ihm aufmunternd zu.

Unzufrieden mit dem Befehl seines Bosses murrte er auf. "Jaaa~ is' ja gut.
Spielverderber~", murmelte er leise vor sich hin und hatte die Wangen
aufgeblasen, um wie ein kleines, unglückliches Kind zu schmollen. Dann nickte
er auf Hizumis Frage hin, ob er bewaffnet war. Als jedoch keine Antwort folgte,
rollte er seufzend mit den Augen und bestätigte mit einem "Klar bin ich
bewaffnet." //Akku?//, fragte er sich und hielt das Handy etwas von seinem Ohr
weg, um darauf zu schielen. "Ano... Wenn du diese Anzeige mit den Balken
meinst... Zwei Stück sind noch da."
Gelangweilt setzte er sich im Schneidersitz auf den Boden und bewegte
spielerisch seine langen Finger, die perfekt zum Erdrosseln geeignet waren.
//Wie viel ebenbürtige Gegner es wohl sind?//, fragte er sich grinsend und
spürte, wie sein Blut vor Aufregung zu kochen schien. Am liebsten würde er
jetzt schon rein und alles niedermetzeln...~ Aber er musste die Befehle
befolgen.

"Okay, das reicht noch, schalte das Handy auf Stand-by, dann sparst du Strom und
bist trotzdem noch erreichbar." Hizumi überlegte. Er kannte seinen besten Mann
und grinste. Vielleicht würde er ihm jetzt eine Freude machen. "Ach Kru?
Vielleicht ist es doch eine gute Idee, wenn du mal ein bisschen die Gegend
erkundest, vielleicht gibt es ja eine bessere Möglichkeit für uns, in das
Gebäude einzudringen, unbemerkt, verstehst du? Das würde uns einiges an Ärger
ersparen. Aber lass dich nicht erwischen!", warnte er ihn noch. Er klemmte das
Handy zwischen Kopf und Schulter und kniete sich vor Aoi, knöpfte ihm
vorsichtig das Hemd auf und begann seinen Oberkörper zu reinigen und die Wunden
zu desinfizieren. "Sonst noch was, Kru?" fragte er in das Telefon. Er war schon
immer gut darin gewesen, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, das hatte ihn
zu so einem guten Leader werden lassen.

"Was? Stand-by?", wiederholte Kru verwirrt und fragte sich, was das bedeutet
sollte. War das ein verschlüsseltes Code-Wort? Aber warum sollte er denn so
etwas benutzen? Dachte er vielleicht, sie würden abgehört? "Eh... is' klar...
Verstanden.", meinte er nur und leckte sich nervös über die Lippen. Er konnte
doch Hizumi nicht einfach sagen, das er keinen blassen Schimmer davon hatte, was
der andere gerade damit meinte. Dann würde er den wahrscheinlichen Abhörern ja
direkt in die Falle laufen, in dem er sich verriet. Außerdem wollte er seinen
Freund und Boss nicht enttäuschen.
So in Gedanken vertieft, zuckte er erschrocken zusammen, als er seinen Namen
hörte. "Hm~?", machte er leicht grummelnd und ungläubig fanden seine
Augenbrauen den Weg gen Norden, als Hizumi ihm nun doch erlaubte, sich ein wenig
umzugucken. Kru ging der Mund auf. Er wollte etwas sagen, aber vor Freude
brüllen würde ihn wohl auch nur verraten, oder? "Wenn ich kein Kerl wäre,
würd' ich dich dafür knutschen, Alter.", meinte Kru dann grinsend im Scherz
und richtete sich etwas auf. "Du kennst mich einfach zu gut. Danke und klar pass
ich auf! Ich bin doch kein Anfänger.", versicherte er und spähte über den
Rand der Grube hinweg. "Nein, sonst nichts. Meld dich bei mir, wenn ihr ankommt.
Ich gehe klettern.", meinte Kru kurz angebunden und ein freudiges Funkeln blitze
in seinen Augen auf. "Bis später.", setzte er noch hinzu und legte auf. Mehr
gab es jetzt nicht zu reden. Das würden sie dann später machen, wenn es
endlich los ging.
Wie ein kleines Kind freute sich Kru darauf, doch sein freudiges Gemüt wandte
sich schnell in ein anderes um. Was sollte dieses Stand-By bedeuten? Stand-By
Modus? Bei einem Handy? Wie das...? Darüber musste er, bevor es los ging, sich
noch einmal gründlich Gedanken machen. Ein tiefes Grollen entkam seinem Rachen,
als er mit nachdenklich verzogener Miene ein paar Tasten auf seinem Handy
drückte. "Ich bin zu alt für so'n Kinderkram...", murmelte er genervt und fiel
beinahe rückwärts vor Schreck, als eine Melodie aus dem Handy kam. //Scheiße,
was war denn das?!//, fragte er sich und drückte schnell ein paar Tasten auf
dem Handy, hielt es dabei absichtlich ganz weit von seinem Körper weg.
Misstrauisch beobachtete er die sich verändernde Bildanzeige. Als beim
nächsten Tastendruck ein greller Blitz aus dem Gerät geschossen kam, schmiss
Kru das Handy reflexartig weg und rollte sich zur Seite.
Kein Bumm? Keine Explosion?!
Verwirrt hob Kru den Kopf und sah sich um. Nichts hatte sich verändert.
Vielleicht hatte aber auch die Erde die Explosion geschluckt? Schließlich hatte
er es so geworfen, das der Bildschirm nach unten zeigte. Aber Kru hatte kein
Beben gespürt. Was also hatte dieser grelle Blitz zu bedeuten?
Langsam kam er auf das Handy zugekrochen und streckte seine Hand zögernd danach
aus. //Technik ist ganz gewiss nichts für mich.// Er drehte das Gerät in
seinen Händen und besah es sich genauer. Ungläubig riss er die Augen auf, als
er sich selbst, ziemlich erschrocken aussehend, auf dem Bildschirm erblickte.
//Pah... ein Fotoapperat in dem Ding? Wozu soll das gut sein?! Soll ich sie mit
dem grellen Blitz blenden oder soll ich sie fotografieren, bevor ich sie
umbringe. Unnütz.//
Genervt über das Wunder der Technik, steckte er es sich schulterzuckend in die
kleine Tasche, die auf seinem Rücken hing und befreite seine Finger von den
Krallenringen, die er liebevoll dazupackte. Beim Klettern würden sie ihm nur
stören. Dann grub er seine Hände in die aufgelockerte Erde und rubbelte
anschließend alle Stellen, die etwas Haut preisgaben, damit ein. Er wusste sich
eben gut zu tarnen.
Als er diese Prozedur hinter sich hatte, kroch Kru aus dem Gruben hervor und
schlich zum Auto. Überrascht musste er feststellen, das dieses nicht
abgeschlossen war. Auch befand sich niemand mehr darin. Da ging wohl jemand
davon aus, das sie hier nie zu finden wären, aber gleichzeitig jederzeit bereit
sein müssten, zu fliehen? Widersprach sich da nicht? Kopfschüttelnd kramte Kru
sein geschliffenes Messer hervor und rammte es zielgerichtet in den rechten
Hinterreifen. Dann kroch er weiter und tat dasselbe mit dem rechten
Vorderreifen. Doch das reichte Kru noch lange nicht aus. So leise wie möglich
öffnete er die Beifahrertür und kroch in das Auto. Mit einem gezielten Griff
riss er ein Stück Blech unter dem Autoradio ab und zum Vorschein kamen lauter
bunter Kabel, die förmlich danach schrien, durchgetrennt zu werden. Grinsend
schnappte sich Kru das Kabel für die Bremsen und trennte sie durch. Jeder, der
hier einsteigen würde, würde den sicheren Tod finden. Bei den steilen Klippen
und engen Kurven, war das Fahren ohne Bremsen schier unmöglich.
Glucksend verließ Kru den Wagen wieder, nachdem er das Stück Blech wieder
provisorisch (also mit Gewalt) wieder dort befestigt hatte, wo es ursprünglich
saß und schlich sich zum Schloss, um dort nach möglichen anderen Eingängen zu
suchen.

+~+

Hizumi lachte. "Heb dir das mit dem Knutschen für später auf.", witzelte er
und verabschiedete sich dann von Kru. Er vertraute ihm und er wusste, dass er
der Beste auf seinem Gebiet war.
Nun hatte er alle Zeit, sich um Aoi zu kümmern. Er legte das Telefon beiseite
und reinigte die zahllosen Wunden auf dem Körper des Jungen, wusch vorsichtig
den Schmutz aus den teilweise schon älteren Verletzungen und begann dann mit
der mühsamen und schmerzvollen Prozedur des Desinfizierens. Er wollte Aoi nicht
weh tun, immer wieder strich seine Hand beruhigend durch das zottelige schwarze
Haar und er lächelte ihn beruhigend an. "Keine Angst, es brennt scheußlich,
aber danach werden die Wunden schneller heilen und es bleiben keine Narben."

Eine Schnute ziehend, weil er nur die Hälfte des Gespräches verstand, dennoch
so viel, das es ihm vor Anspannung und gewünschter Tätigkeit in den Fingern
juckte, merkte Aoi gar nicht, wie sich der andere plötzlich vor ihm hinkniete.
Erst die Finger an seinem Hemd ließen ihn herumschrecken und anschließend
verwirrt blinzelnd der Hand folgend, die Hizumi gehörte, fragend zu ihm
hinuntersehen. Knopf für Knopf öffnete sich und je mehr geschundene Haut
entblößt wurde, desto unsicherer wurde Aoi. Fand der andere ihn nicht
abstoßend, so wie er war? Sein Herz machte einen unangenehmen Hüpfer, als er
die Wärme spürte, die für einen Moment seine Haut streifte, als Hizumis Hand
diese berührte, ehe es sich in seiner Hose verlor. Mit ängstlichem Blick
verfolgte er die Bewegungen, die Hizumi zaghaft ausführte und zischte
erschrocken auf, als Wasser auf seine Wunden tropfte. Aoi schluckte trocken.
"D-du musst nicht, wenn du nicht.. nicht möchtest...", murmelte er und warf den
Blick verlegen zur Seite.
Wieder ein unangenehmes Ziehen auf seiner Brust, verfolgt von einem
schmerzhaften Brennen und Aois Gesicht verzog sich zu einer gequälten Maske. Er
biss sich zusätzlich auf die Unterlippe, um nicht allzu laut seine Schmerzen
kundzutun. Warum taten seine alten Wunden immer noch weh?
Durch Hizumis Behandlung, der abwechselnden warmen Hand mit dem anschließenden
Schmerz war so verboten süß, das ein Schauer nach dem nächsten über seinen
Rücken schlich und seine Beine wie Pudding werden ließen. Keuchend knickte er
ein, hielt sich aber im letzten Moment noch an Hizumis Schultern fest, um sich
dann mit einem zittrigen Seufzen in die Hocke zu begeben. Ein leichter
Rotschimmer hatte sich auf Aois Wangen gelegt und peinlich berührt schlug er
die Augen nieder. Er konnte Hizumi nicht in die Augen blicken... nicht jetzt, wo
er sich so schwach fühlte und... schwach wurde...
Am liebsten würde er sich dafür schlagen, das er diese Behandlung genoss. Wie
lange war das her, das Reita ihn so behandelt hatte? Ihn so berührt hatte? Es
schien eine Ewigkeit her zu sein...

~+~

Hektik herrschte auf den Gängen und laute Stimmen drangen bis zu Sakito vor,
der bis eben noch fest geschlafen hatte und nun allmählich aus seinem Schlaf
gerissen wurde. Müde schlug er die Augen auf, presste sie allerdings im
nächsten Moment wieder fest zusammen, als ihn helles Licht vom Fenster her
erwartete.
Sich den Schlaf aus den Augen reibend, versuchte sich Sakito in seinem Bett
aufzurichten. Als seine Schusswunde zu ziepen begann, verzog der Anwalt sein
Gesicht und strich seufzend über den Verband, der in der Mitte einen leichten
Rotton aufwies. "Was zum...?!", fragte er sich, besah den Verband genauer und
hob erschrocken den Kopf, als die Tür aufgerissen wurde. Reflexartig verdeckte
er die wohl wieder aufgerissene Wunde und sah den hereingestürmten Chefarzt
fragend an, welcher ihn mit einem wütenden Blick taktierte. //Mist! Wenn er
sieht, das die Wunde blutete, dann kann er sich bestimmt denken, das ich das
Bett verlassen habe!//, dachte Sakito panisch, versuchte aber möglichst cool zu
bleiben, um sich nicht gleich zu verraten. "Guten Morgen...?", begann er also
vorsichtig und hob fragend eine Braue. "Ist was passiert?", setzte er fragend
hinzu und schielte an dem Chefarzt vorbei in den Flur, an dem gerade eine Horde
an weiß gekleideten Männern vorbeilief. Hinten ihnen liefen einige Ärzte, die
Handtücher in den Armen hielten, die voller Blut waren. //Mein Gott, was ist
hier los?!//, fragte er sich und ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit.
"Wie geht es Herrn Takeshima?!", wollte er wissen und wollte aufstehen, um
Notfalls zu diesem zu gehen, wenn etwas nicht stimmen sollte, doch er wurde von
dem Chefarzt zurück gehalten. "Sie bleiben schön hier Herr Edokawa! Ich weiß
zwar nicht, wie sie es geschafft haben, Herr Shiroyama hier heraus zu bringen,
aber eines weiß ich ganz genau: nur sie können ihre Finger dabei im Spiel
gehabt haben. Sollte ich allerdings erfahren, das es meinem Patienten, wo auch
immer sie ihn hingebracht haben, nicht gut ergeht, werden sie es sein, der sich
einen Anwalt suchen muss. Unter anderen Umständen wäre ich nun ganz anders mit
ihnen umgesprungen, aber sie und ihre Kunden geben wohl nie Ruhe. Herr Takeshima
hat versucht sich das Leben zu nehmen. Wir haben ihn gerade noch retten können.
Ein paar Minuten später und er wäre tot gewesen. Wenn sie sich noch einmal
haben durchchecken lassen und ihr Verband neu gebunden worden ist, können sie
ihn gerne besuchen, aber noch schläft er. Sie hören es vielleicht nicht gerne,
aber wir müssen ihn einer psychiatrische Anstalt übergeben. Sein Zustand ist
ganz und gar nicht labil. Die Geschehnisse der letzten Tage müssen ihn ziemlich
zugesetzt haben. Und... ich weiß, es wird Ihnen und auch Herrn Takeshima schwer
fallen, aber jeglicher Kontakt wird untersagt werden, sobald er versetzt worden
ist. Und das wird er, wenn er aus seinem komaartigen Schlaf erwacht ist. Legen
sie sich bitte wieder zurück in ihr Bett Herr Edokawa. Ich werde sofort jemand
nach ihnen schicken.", meinte der Chefarzt bestimmt und verließ den Raum, ehe
Sakito etwas hätte sagen können, welcher gerade fassungslos auf einen
unbestimmten Punkt starrte und sich das gesagt durch den Kopf gehen ließ.
//Warum... warum Kouyou?//, fragte er sich verzweifelt und unendliche Trauer
überkam ihn, die ihn schwer schlucken ließ. Auch viel es ihm schwer, die
Tränen zu unterdrücken. //Warum hast du mir nicht erzählt, wie es dir in
Wahrheit geht?//, fragte er ihn in Gedanken und spürte einen verletzten Stich
in seiner Brust. //Warum vertrauen Aoi und Uruha mir nicht?//, fragte er
rhetorisch und legte die Stirn in Denkfalten. Am liebsten wäre er sofort
aufgesprungen und zu Kouyou gejumpt, aber da dieser nun schlief, er dagegen auch
nichts ausrichten konnte und weil der Chefarzt dann wahrscheinlich so richtig
sauer auf ihn wäre, ließ er es lieber bleiben. Es war schon erstaunlich
gewesen, das er so gefasst darauf reagiert hatte, wenn er schon glaubte, Sakito
sei es gewesen, der Aoi befreit hatte.
//Und wie soll ich das überleben, ihn nicht sehen zu dürfen?//, fragte er sich
und zuckte erschrocken zusammen, als die Tür ihn aus seinen Gedanken riss und
eine etwas voluminösere Frau das Zimmer betrat. "Dann wollen wir sie mal
untersuchen, Herr Edokawa.", verkündete sie freudestrahlend und wie s ihn mit
einer stummen Geste an, sich hinzulegen, was er sogleich kommentarlos befolgte.


~+~

"So...~ Nun können sie zu Herrn Takeshima. Soll ich Sie hinführen Herr
Edokawa?", fragte die freundliche Ärztin in einem Ton, als würde sie mit einem
Kind sprechen. Missbilligend verzog er das Gesicht, nickte allerdings im
nächsten Moment, da er nicht wissen konnte, wo sich Kouyou befand und somit auf
ihre Hilfe angewiesen war.

Als sie das Zimmer des Patienten Takeshimas erreicht hatten, schob die Ärztin
ihn in das Zimmer und verschwand zum Glück des Anwalts. Unsicher wand er den
Blick von der Tür und nachdem er sich umgedreht hatte, fiel sein Blick auf das
im weiß erleuchtendem Bettes, in dem ein nicht minder weißer Patient lag.
//Mein Gott, ist Kouyou blass!!//, dachte er erschüttert und näherte sich mit
entsetzt aufgerissenen Augen, ließ den Blick über das wandern, was von Kouyou
unter der Decke hervorblickte. Ein EKG-Gerät verriet ihm den Zustand des
anderen, der ihm Sorgen bereitete. Er war zwar aus dem kritischen Bereich raus,
aber die Werte waren trotzdem nicht das, was er sich für ihn gewünscht hätte.
"Ach Kouyou...", seufzte er traurig und ließ sich auf einen Stuhl nieder, den
er zuvor zum Bette Kouyous geschoben hatte. "Warum hast du das nur getan...?",
fragte er die entscheidend wichtige Frage in den Raum, die vorerst noch
unbeantwortet bleiben sollte.
Sanft nahm er die Hand des Blassen in die seine und beobachtete Kouyou beim
Schlafen. Selbst jetzt war er noch schön. Doch ungewiss war, wie lange er ihn
so noch sehen würde und wie lange es danach dauern würde, ihn wieder in seiner
vollen Schönheit und natürlich in voller Gesundheit betrachten zu dürfen.
Wieder seufzte Sakito auf und langsam ließ er den Kopf auf dem Bett sinken.
Durch müde Augen betrachtete er Kouyou weiterhin, lauschte den schwachen
Atemzügen des Blonden und seufzte mal hier und da auf.
Das war doch alles nicht fair...

Verloren in der Dunkelheit, hoffend auf ein Zeichen stand Uruha in der Stille.
Hörte niemand seine Rufe? Alle Farben waren verschwunden. Alleine stand er in
der Nacht. Warum fühlte er nichts außer dem Schmerz? Wo war das Licht? Die
Wärme die ihn empfangen und der leichte Wind der mit seinen weichen Haaren
gespielt hat? Wieso war es so kalt?
Weit entfernt vernahm er ein Geräusch. War es das Zwitschern eines Vogels?
Orientierungslos und verwirrt versuchte er ihm zu folgen. Immer tiefer führte
es ihn in die Dunkelheit in das Ungewisse.
Er konnte sich nicht fühlen. Seine Bewegungen schienen ihm so fremd. Als er
versuchte sich auf die Hand vor seinen Augen zu konzentrieren, verschwammen die
Konturen immer und immer mehr.
Er schaffte es nicht sie festzuhalten. Wieder dieses Geräusch, das immer lauter
zu werden schien.
Erneut versuchte der Brünette zu rufen. Versuchte sich an das Geräusch zu
klammern um aus der Dunkelheit zu entkommen.
Es wurde immer schwerer sich auf den Ton zu konzentrieren. Immer mehr verzerrten
sich die Töne, vermischten sich mit Stimmen und verteilten sich um Uruhas
Lage.
Er hatte das Gefühl alles um sich herum würde sich drehen, würde ihn
verschlingen wie ein Strudel aus Erinnerungen und Sehnsüchten.
Plötzlich wurde es hell und er spürte wie seine Augen schmerzten. Sofort
schloss er sie wieder und versuchte seine Gedanken zu sortieren.
Erst nach einigen Minuten versuchte er erneut seine Augen zu öffnen, doch seine
Lider erschienen ihm wie Blei, so dass es ihm schwer fiel sie offen zu halten.
Fast verzweifelt versuchte er zu erkennen was um ihn herum geschah. Doch die
Decke war weiß, ein paar Schläuche fielen in sein Blickfeld, doch seine
Aufmerksamkeit galt noch immer dem Geräusch.
Was war mit ihm? Langsam kam die Erinnerung zurück, bevor dieser Schwärze ihn
empfangen hatte.
Dieser Schmerz, diese Verzweiflung und die Sehnsucht nach dem Tod.
Uruha bemerkte wie seine Augen zu brennen begannen und er spürte wie sich
Tränen in ihnen sammelten.
Er war also nicht tot. Und das Geräusch musste das EKG-Gerät sein. Und diese
Stimmen die er gehört hatte?
Erneut versuchte er seine Augen zu öffnen, doch bevor er sich darauf
konzentrieren könnte, machte ihn etwas anderes stutzig. Er spürte Wärme die
seine Hand umfing. Die leicht seine kalte Haut streichelte und die er als
angenehm empfand.
Doch gleichzeitig fühlte er die Hilflosigkeit, die ihn an dieses Bett
fesselte.
Endlich schaffte er es wieder, seine Augen zu öffnen und den Blick schwach in
Richtung Bettrand zu wenden.
Er konnte nicht richtig erkennen wer da saß und so ließ er seine Augen wieder
zufallen und öffnete leicht den Mund.
„…wo…“, begann er leise den Satz den er nicht beenden konnte, denn erst
jetzt bemerkte er wie schwach er sein musste und wie trocken sein Hals war.
Langsam glitt eine Träne seine Schläfe hinab und er jetzt war ihm bewusst in
welcher Lage er sich befand.
Er wollte nie in dieser Situation sein. Zu sehen, wie andere darunter litten was
er getan hatte. Zu sehen, wie schwer er es ihnen gemacht hatte.
Gerade in diesem Moment wünschte er sich, dass alles war nur eine letzte Szene,
die ihn kurz vor dem Tod daran erinnerte, dass er geliebt wurde und dass er
danach für immer erlöst war.

Sakito war schon halb weggedöst, als er diese klitzekleine Bewegung bemerkte,
die so viel Hoffnung versprach, das Sakito für einen Moment gar nicht glauben
konnte, was er dort sah. Trotz das es nur eine Millisekunde angedauert hatte,
das Uruhas Lider sich bewegt hatten, stieg unglaubliche Erleichterung in ihm auf
und gleichzeitig stieg sein Herzschlag in so kurzer auf das Doppelte an, das er
glaubte, es würde seine Brust durchbrechen und sich auf und davon machen.
Sakito gab einen erstickten Laut von und richtete sich allmählich wieder in
seinem Sitz auf. "U-Uruha?", rief er seine Namen hoffnungsvoll in die Stille
dieses sterilen und kalten Raumes hinein und beugte sich über den schwachen
Körper seines Freundes, dessen Hand er noch immer fest umschlossen hielt. Nun
hob er die andere Hand, um der Träne, die sich nach kurzer Zeit aus Uruhas
wieder geschlossenen Augen glitt, mit einer sanften Berührung
hinwegzustreichen. "Uruha, ich bin es, Sakito. Du liegst im Krankenhaus, weil du
Selbstmord begehen wolltest. Zum Glück hast du es nicht geschafft... Ich
wüsste nicht, was ich ohne dich tun sollte...", gestand er murmelnd und strich
wieder über Uruhas kalte Hand. Sein Blick ruhte kontrollierend für einen
Moment auf den Gerätschaften, die Auskunft über Uruhas Zustand geben sollten
und erkannte, das dessen Befinden sich nicht gebessert, aber auch nicht
verschlechtert hatte. "Ruha, bitte... halte durch!", bat er ihn inständig und
blickte aus verzweifelten Augen auf die blasse Antlitz seiner heimlichen Liebe.
"Wir brauchen dich hier!... Ich... brauche dich... Bitte geb nicht auf!", fügte
er noch hinzu und schluckte. //Nein, du fängst jetzt nicht an zu weinen!//,
zwang er sich und blinzelte mehrmals, um die Tränen im Zaum zu halten.

Dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen und Sakito wirbelte erschrocken
herum, machte sich, wenn nötig, Kampfbereit. Doch ganz groß wurden seine Augen
als mehrere Schwestern und der Chefarzt das Krankenzimmer betraten und um das
Bett Uruhas herumwuselten und ihn von diesen zu trennen gedachten. //Nein, wie
konnten sie so schnell erfahren, das er aufgewacht ist?!//, fragte er sich und
sein Herz rutschte ihm in die Hosen. Verzweiflung überkam ihn. "Nein, lasst ihn
doch! Warum nehmt ihr ihn mir jetzt weg?! Gibt mir bitte noch... noch wenigstens
5 Minuten!", bat er mit Tränen in den Augen und hielt noch immer die Hand des
Blonden umschlossen. Er wollte ihn nicht schon wieder verlieren!
Doch der Chefarzt verneinte seine Bitte mit einem bloßem Kopfschütteln und am
liebsten hätte Sakito ihn angesprungen und ein Gewissen in den Schädel
geschlagen, so unfair fand er auf einmal alles und auch kroch die Wut in ihm
hoch. Eine Schwester, die gerade dabei war, seine Hand aus der Uruhas zu lösen,
schon er grob beiseite. "Nein! Wenn ihr ihn mir wegnehmen wollt, dann nehmt mich
auch mit!", bat er den Arzt und eine erste Träne rollte ihm über die Wange.

"Rei...", kam es gehaucht vom Krankenbett, welches langsam in Bewegung gesetzt
wurde, um es in eine andere Station zu verlegen. In die geschlossene...

Mit weitaufgerissen Augen drehte sich Sakito zu Uruha um. //Reita? I-ich... ich
nein... bitte Uruha... Du kannst das nicht von mir verlangen! Ich liebe dich...
verdammt...//
"Rei...", hauchte Uruha erneut und drückte ganz kurz die Hand Sakitos. "Rette
ihn... bi-bitte..."

Und das war der Moment, in dem Sakito die Hand des Blonden widerwillig losließ
und sich seinen Tränen ergab, während er den Bett hinterher sah, welches ihm
seinen Liebsten nahm.

"Ich... Ich liebe dich Uruha....", hauchte er und rutschte an der weißen Wand
hinunter. Sein verheultes Gesicht hielt er bedeckt.

"Wenn sie fertig sind, gehen sie bitte wieder auf ihr Zimmer. Sie haben eine
Mission, Sakito-san.", meinte der Chefarzt, musterte den Anwalt für einen
kurzen Moment aus traurigen Augen, ehe er ihn alleine zurück ließ und weiter
seinem Job verrichte, auch wenn manche Taten nicht immer die Richtigen zu sein
schienen.

Ohne sich auch nur im entferntesten gegen seine Verlegung wehren zu können,
musste sich Uruha kampflos seinem "Schicksal" überlassen.
Er wollte nicht wieder dorthin und vor allem wollte er nicht von Sakito weg.
In diesem Moment könnte er sich dafür hassen, was er getan oder besser gesagt
versucht hatte.
Schwach öffnete erneut seine Augen, doch Sakito war bereits aus seinem
Blickfeld verschwunden.
Nur noch ein paar Silhouetten erkannte er, die sein Bett wohl in Bewegung setzen
mussten. Er wollte etwas sagen, doch sein Hals war so trocken, dass kein Ton
seine Lippen verließ.
Wie lange es wohl dauern würde, bis er sie wieder sehen würde? Sie alle.
Reita, Aoi und Sakito?
 

Kapitel 22 - Vergangenheit ist Zukunft



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